Kennst du den Faust?
Den Doktor?
Meinen Knecht!

Kommentar

VON SIMON NEHRER

Das österreichische Polit-Dickicht wartet auf uns mutige Entdecker. Zuvor finden wir die Muße, uns zu wappnen, uns zu rüsten, die Ursprünge der europäischen Gegenwart aufzustöbern. Wobei die entscheidende Einsicht wohl jene bleibt, dass mehr als ein Weg aufwartet, diese Geschichte zu erzählen.

Letztens ertappte ich mich dabei. Mein Morgenkaffee und ich hatten uns soeben auf einer Parkbank niedergelassen, als ich auf einen Mann im Anzug aufmerksam wurde. Offenbar verspätet und mit seinem Hund unterwegs gedachte er, sich der lästigen Hundepflicht noch vor der Arbeit baldigst zu entledigen. Da war er, der kurze Moment, in dem ich zauderte, wer hier wen an der Leine spazieren führte.

Jede Geschichte verdient mehr als einen Erzähler. Besonders jene der Gegenwart.

I

Schüler oder Vergeht mir Hören, Sehn und Denken

Es ist ein gar beschränkter Raum,

Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,

Und in den Sälen, auf den Bänken,

Vergeht mir Hören, Sehn und Denken

Das kommt nur auf Gewohnheit an, lässt Goethes Mephisto den Schüler abwiegeln.

Maria Theresia, so lernt es das österreichische Schulkind, führte 1774 die Schulpflicht ein. An dieses geschichtliche Detail wurde ich lange Jahre allmorgendlich erinnert, da mein Bruder seine ersten, verschlafenen Tritte aus unserem Stockbett zumeist mit einem geseufzten „Geh’ scheißen, Maria Theresia“ melodisch untermalte. Der Einwand meiner Eltern, er solle doch froh sein, zur Schule gehen zu dürfen, hat ihn nie beeindruckt. Aber Bruderherz, können wir Bürger uns nicht glücklich schätzen, von unserer mütterlich liebevollen Erzherzogin das Geschenk der Schulbildung erhalten zu haben? Wie heißt es so schön in ihrem Erlass: „Da Uns nichts so sehr als das wahre Wohl der von Gott Unserer Verwaltung anvertrauten Länder am Herzen liegt, und (…) dass die Erziehung der Jugend, beiderlei Geschlechts, als die wichtigste Grundlage der wahren Glückseligkeit …“ – Worte wie Honig, Balsam für die Ohren.

Maria Theresia war eine Monarchin, die sich wenige Monate vor der Einführung der Unterrichtspflicht noch geziert hatte, die Folter abzuschaffen. Auch wenn es müßig ist, ihre Beweggründe zu wägen, entstammte ihre Sorge um des Volkes Bildung, soviel steht fest, nicht ihrer Herzensgüte. Nicht minder ist der Erlass Friedrich Wilhelms I, preußischen Zöglingen ab 1717 die Schulbank aufzudrücken, keineswegs auf seine Freude an der Gelehrsamkeit zurückzuführen, konnte der Schulschwänzer doch seinen eigenen Erlass kaum entziffern. Wer führt hier wen an der Leine spazieren?

Jede Geschichte verdient mehr als einen Erzähler. Schon dreißig Jahre vor der Unterrichtspflicht begründet Maria Theresia drei Akademien. Wer den strapaziösen Staatsdienst in Armee, Verwaltung oder Diplomatie antrat, war zuvor lange Jahre an diese Strapazen gewöhnt worden. Das kommt nur auf Gewohnheit an. Diese Gewöhnungskur an das moderne Leben dürfen in Europa bald alle durchlaufen. Die Monarchen entreißen die Schuldbildung der Kirche, beginnen Schulbücher mit genehmem Gedankengut zu drucken und fordern von den Schülern eher Disziplin, Fleiß und Treue als kritische Denkleistungen. Erziehung und Bildung sind ab sofort Staatsangelegenheiten. Daran rütteln auch Kanzler und Präsidenten demokratischer Republiken nicht, seit sie die Monarchen an der Staatsspitze ablösten. Die Theresianische Akademie, die Militärakademie und die Diplomatische Akademie bestehen nicht umsonst bis heute fort. Nur dient Disziplin nun dem zivilen Gehorsam, Fleiß den Ansprüchen der Marktwirtschaft und Treue der Republik. Egal ob Militärdiktatur, Monarchie oder Republik, egal ob Heer, Beamtentum, Wirtschaft oder Wissenschaft – alle bedienen sich fortan der Schulbildung, um Futter für ihre Kanonen zu beschaffen.

In Stefan Zweigs Worten in Die Welt von Gestern, der auf seine Wiener Schulbildung um 1900 zurückblickt: „Einzig aus dieser sonderbaren Einstellung ist es zu verstehen, dass der Staat die Schule als Instrument zur Aufrechterhaltung seiner Autorität ausbeutete. Wir sollten vor allem erzogen werden, überall das Bestehende als das Vollkommene zu respektieren, die Meinung des Lehrers als unfehlbar, das Wort des Vaters als unwidersprechlich, die Einrichtungen des Staates als die absolut und in alle Ewigkeit gültigen. (…) Ehe man ihnen irgendwelche Rechte zubilligte, sollten sie lernen, dass sie Pflichten hatten und vor allem die Pflicht vollkommener Fügsamkeit.“ Ob ich einen solch gefügigen Absolventen nun als Beamten, Rechtsanwalt, Techniker, Lehrer, Industriearbeiter oder Rekrut einsetze, ist egal. Ob ich ihn über Jahre jeden Tag für Stunden rechnen, schreiben oder lesen lasse, ob ich ihn mit Philosophie, Juristerei, Medizin oder Theologie beschäftige, um ihn mir gefügig zu machen, ist egal. Nun ist es eindeutig angenehmer, wenn ich ihm dabei eine Wahl gestatte, ihm Prestige, Einkommen und Rechte verbriefe, ihn seinen Talenten und Neigungen nachgehen lasse, ändert aber nichts an seiner Fügsamkeit. Giuseppe Tomasi di Lampedusa legt in seinem Gattopardo den sizilianischen Fürsten angesichts der Italienischen Einigung unbeeindruckte Worte in den Mund: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“ Der Schulabsolvent befolgt Regeln, denkt wenig und glaubt viel. Zum Beispiel die Geschichte Maria Theresias honigsüßer „wahrer Glückseligkeit“.

Eine moderne Gesellschaft mit all ihren Vor- und Nachteilen könnte ohne diese Gewöhnungskur nicht bestehen. Sie braucht ihre stummen Soldaten in Wirtschaft, Bürokratie und Bildung, die an die honigsüße Geschichte glauben, dass ihre Arbeit unerlässlich sei. Ihre Geschichte über jeden Zweifel erhaben als fortschrittliche Erfolgsgeschichte zu erzählen, wie man es heute fast ausschließlich liest, ist zu einseitig. Die moderne Schule ist hier beispielhaft für das gesamte Leben in der Moderne. Der zwischenmenschlichen Lösung wird misstraut, nichts dem Zufall überlassen. Der Lehrplan ist vereinheitlicht, die Ausbildung des Lehrers bis zur letzten Vorlesung verankert, die Prüfungen auf Kreuze und Kreise reduziert. „Rationalisierung“ ist der Fachausdruck; oder wie Goethe es fachkundig ausdrückt:

Mit Moderne ist, je nachdem wen man fragt, in etwa der Zeitraum zwischen wahlweise dem Westfälischen Frieden 1648 oder der Französischen Revolution 1789 und dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg gemeint. Sie beschreibt die schleichende und doch rasante Wandlung jahrtausendealter Traditionen und Lebenswege zur modernen Welt, die in einigen ihrer Facetten im Folgenden beschrieben wird. Nach dieser Klassifizierung befinden wir uns in der sogenannten Post-Moderne, der Zeit nach dieser Entwicklung.

MEPHISTO

   Da wird der Geist Euch wohl dressiert,

   In spanische Stiefeln eingeschnürt,

   Daß er bedächtiger so fortan

Hinschleiche die Gedankenbahn,

   Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,

   Irrlichteliere hin und her. (…)

SCHÜLER

   Kann Euch nicht eben ganz verstehen.

MEPHISTO

   Das wird nächstens schon besser gehen,

   Wenn Ihr lernt alles reduzieren

   Und gehörig klassifizieren.

Eine Fülle an Schülern gewinnt beispielsweise die allgemein zugängliche, vereinheitlichte Schulbildung, die sie vor schlechten (und guten) Lehrern bewahrt, die dem Lehrplan ausnahmslos zu folgen haben. Ohne diese Vereinheitlichungen von Lehrstoff, Tests und Noten, ohne europaweite Anerkennung akademischer Titel, ohne zentrale Matura wäre derart offener Universitätszugang der Massen aussichtslos, wären Schüler und Studenten nicht vergleichbar, wären die Auswahlverfahren für Universität und Arbeit nicht „gerecht“, wären der Vetternwirtschaft und internem Kuhhandel Tür und Tor geöffnet. Das moderne Leben hat aber auch seinen Preis: Wer nichts dem Zufall überlasst, dem fällt zwar wenig Schlechtes, aber auch wenig Gutes zu. Den Mut zur Ausnahme, moderne Gesellschaften haben ihn verlernt. Wer Menschen vergleichbar machen will, muss schon hart arbeiten, um Menschenleben in vergleichbare Werte zu gießen. Im eisernen Käfig des modernen Lebens geht viel Menschlichkeit, viel Kreativität, viel Tradition, viel Mystik, viel Ehrfurcht, viel Zauber verloren. Ohne die effektive Seite der Rationalisierung zu verkennen sagte es wohl Max Weber am besten: Die moderne Welt, sie sei „entzaubert“.

MEPHISTO

   Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,

   Sucht erst den Geist heraus zu treiben,

   Dann hat er die Teile in seiner Hand,

   Fehlt, leider! nur das geistige Band.

Dass diese Geschichte gerne anders erzählt wird, darf nicht verwundern. Sonst macht ja kein Mensch mit. Geschichte ist kein Zufallsergebnis. Wer seine Historiker in staatlichen Schulen und Universitäten ausbildet, wird in der zukünftigen Geschichtsschreibung wenige Überraschungen erleben. Nicht umsonst bewahren sich diese Herrscher bis heute die Gunst der Volksweisheit. Noch 1888 wird am Wiener Maria-Theresien-Platz ein peinlich-pompöses Denkmal in ihren Ehren enthüllt, das der Kaiser in Auftrag gegeben hatte, und bis heute Wind und Wetter trotzt, um vorüberziehende geschichtskundige Mütter zu ermuntern, ihren Kindern die Mär der großen Schulstifterin Maria Theresia zu erzählen. Auch die französische Maria Theresia, Jules Ferry, der 1881 in der Dritten Republik die kostenfreie Schulpflicht einführte und die Kirche aus dem laizistischen Staat ausschloss, wird heute vom französischen Präsidenten abwärts für seine Wohltat uneingeschränkt verehrt. Wieso steht noch heute eine Reiterstatue Friedrich des Großen auf der Berliner Prachtstraße Unter den Linden? Wieso ziert noch heute das Reiterdenkmal Prinz Eugens den Wiener Heldenplatz? Man denke auch an Alexander, Karl, Peter, Katharina und Friedrich, die man die Großen taufen würde, deren Geschichtsbild allein ihr Ehrenname unkenntlich verzerrt; die noch heute von den Nationalstaaten verehrt werden, obwohl sie denkbar wenig mit ihnen zu tun haben. In den Worten des Geschichtsschreibers Jacob Burckhardt: „Die als Ideale fortlebenden großen Männer haben einen hohen Wert für die Welt und für ihre Nationen insbesondere; sie geben denselben ein Pathos, einen Gegenstand des Enthusiasmus und regen sie bis in die untersten Schichten intellektuell auf durch das vage Gefühl von Größe.“

Der geschulte Blick in die Vergangenheit verrät: Die Geschichte ist eine der vielen möglichen Geschichten über das Geschehene. Welche Tatsachen und Geschehnisse betont oder ausgelassen werden, definiert die Ideologie. Davor wird auch diese meine Geschichte nicht gefeit sein. Die Geschichte, die erzählt wird, sagt mehr über die Zeit aus, in der sie erzählt wird, als über die Zeit, von der sie erzählt. Die Geschichte ist beides: Sie ist unabdingbarer, verbrüdernder Schlussstein der Gesellschaftskuppel, der dem Einsturz wehrt. Die Geschichte einer Gesellschaft erzählen zu dürfen, ist aber auch Vorrecht der Mächtigen dieser Gesellschaft. Nicht zuletzt dient diese Geschichte der Fortsetzung bestehender Machtverhältnisse. Wie George Orwell in 1984 schreibt: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Dass die heutigen Wortführer der bürokratischen Nationalstaaten, der demokratischen Republiken, der sozialen Marktwirtschaften, der kapitalistischen Industrieländer und der weltlichen Rechtsprechung einen honigschimmernden Lichtschein auf ihre Geschichte werfen, darf nicht verwundern. Der Schein trügt. Ihre Geschichte hat große Erfolge zu verbuchen. Doch ihre weiße Weste hat auch einige dunkle Flecken, die gerne weißgewaschen werden. Jede Geschichte verdient mehr als einen Erzähler. Lasst uns ein paar dieser Erzähler lauschen.

II

Mephisto oder Man hat Gewalt, so hat man Recht

Man hat Gewalt, so hat man Recht.

Man fragt ums Was, und nicht ums Wie.

Ich müßte keine Schifffahrt kennen:

Krieg, Handel und Piraterie,

Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.

In einer Zeit jahrtausendealter Machtkämpfe dürfen, können, müssen sich Kinder in ganz Europa ab sofort Schüler nennen. Als Gutenberg um 1452 seine druckfrische Bibel aus der Presse hebt, ähnelt die Landkarte Zentraleuropas mehr Monet als Picasso, mehr Perser- als Flickenteppich. Städte, Fürstentümer, Herzogtümer, Bistümer und andere schwammig abgegrenzte Ungetüme von Hamburg bis Genua verlangen ihren Untertanen andere Abgaben ab, gewähren andere teils ungeschriebene Rechte, sprechen andere Sprachen und Dialekte. Als Konstantinopel 1453 fällt, wissen auch „Zentralstaaten“ wie Frankreich, die so zentral nicht waren, nicht so recht, wo nun der Bannkreis der Savoyer Herzöge enden und jener des französischen Königs beginnen solle. In Grenzregionen werden Bauern gerne vorsorglich zweimal zur Kasse gebeten, um Abgaben zu begleichen. Als 1871 die Deutsche Einigung verkündet wird, ist die Welt eine andere. Der moderne Nationalstaat hatte sich durchgesetzt.

Im äußeren Machtkampf zwischen europäischen Dynastien erzwingen Kriege – aus Machtstreben oder zu dessen Gegenwehr – stehende Nationalheere. Heraklits Vater aller Dinge, der Krieg, wird wüster, gewaltiger, nimmt immer mehr Lebensbereiche ein. Wo sich früher Söldner oder bäuerliche Teilzeitsoldaten aufreihten, ziehen nun unzählige Brigaden und Divisionen an Berufssoldaten und wehrpflichtigen Bürgern in Uniform und im Takt nationaler Marschmusik für Volk und Vaterland in den Tod.

Eine große Armee machen erst günstige Kredite und Staatsanleihen – und damit Staatsschulden – möglich. Ihre Garantie ist die lückenlose Steuererhebung. Denn nur wer Zinsen bedienen kann, genießt Kredit bei Gläubigern. Schon Machiavelli wusste Anfang des 16. Jahrhunderts, dass man bei Republiken „etwas mehr Beständigkeit findet als bei Fürsten; denn hätten sie auch dieselbe Gesinnung und dieselbe Neigung wie ein Fürst, so werden sie sich doch bei ihrem schwerfälligen Geschäftsgang schwerer dazu entschließen, die Treue zu brechen.“ England finanziert beispielsweise seine Kriege nach der Glorious Revolution 1688 mit deutlich geringeren Zinssätzen als das verfeindete Frankreich. Das Englische Parlament (und mit ihm die Großgrundbesitzer Englands) hatten in dieser gloriosen Revolution dem Monarchen die Steuererhebung und die regelmäßige Einberufung des Parlaments abgerungen. Die Gründung der Bank of England, deren bewährte Steuererhebung und die dadurch besicherten langfristigen Staatsschulden, deren Zinsen immer weiter fielen, verhelfen dem Frankreich ausgeliefert geglaubten England zum Überraschungssieg. In den Worten de Pintos, eines Bankiers aus Amsterdam, wo zu dieser Zeit gemeinhin das Geld zu Hause war: „Die unerschütterliche Genauigkeit, mit der die Zinsen stets bezahlt wurden und die Gewissheit, die Zusicherung des Parlaments zu haben, etablierten die Kreditwürdigkeit Englands derart, dass ihre Anleihen [mit niedrigen Zinsen] ganz Europa erstaunten.“ Krieg, Handel und Piraterie: dreieinig sind sie, nicht zu trennen. Berühmt wird das Diktum des amerikanischen Historikers, Charles Tilly, „war made the state and the state made war“, das auf die Wechselwirkung zwischen immer größeren, professionalisierten Kriegen und immer größeren, bürokratisierten Staaten anspielt.

Napoléons Grande Armée zwingt halb Europa ebenso zur Aufrüstung und Bürokratisierung – wie England zuvor, und wie später Preußen oder die Vereinigten Staaten, die aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg 1865 bald als mächtigste industrialisierte Militärmacht in Richtung Ersten Weltkrieg marschieren und so die Grundlage für ihre Vorherrschaft im 21. Jahrhundert legen. War made the state. Eine große Armee, aber später auch das Bahn- und Postwesen, verlangen Bürokratie für Verwaltung und Logistik, verlangen geschulte Bürger für all diese Aufgaben, verlangen gut erfundene Nationalmythen, um diesen Dampfkessel vor dem Platzen zu bewahren. Wer nicht mitmacht, stirbt aus. Man hat Gewalt, so hat man Recht. Am Ende waren nur eine Handvoll souveräner Nationalstaaten übrig, die diesen Anforderungen gerecht werden konnten. Ob man lieber vom Siegeszug einiger weniger herrlich klar definierter Nationalstaaten sprechen möchte oder doch von dem tragischen Verlust einer Fülle an Sprachen, Kulturen und Gemeinschaften, sei dahingestellt.

Auch diese, wie jede Geschichte, ist eine Vereinfachung. Sie betont die Bürokratisierung, die Rationalisierung, die Entzauberung der Welt, und birgt die Gefahr, heutige Beobachtungen auf zielgerichtete Entwicklungen zurückzuführen. Die Geschichte folgt aber keinem Plan. Statt des gerne in Schulbüchern gedruckten Zitats, L’État, c’est moi („Der Staat, das bin ich“), das dem Absolutherrscher Ludwig XIV zugeschriebenen wird, betont diese Geschichte lieber L’État, sans moi wie in seinen letzten Worten auf dem Totenbett: „Ich gehe, doch der Staat wird fortbestehen.“ Auch Bismarck wundert sich nach seinem Abgang vom politischen Parkett, wie denn das bürokratische Staatsross auch ohne ihn munter weiterreite. Aus persönlichen Loyalitäten und Beziehungen wird zunehmend ein abstrakt festgelegtes Bürokratiegitter, das eine Eigendynamik entwickelt – in der Verwaltung und im Militär genauso wie an Universitäten oder in Unternehmen. 1837 wird der Staat von deutschen Juristen zur Rechtsperson erhoben.

Sagen wir, ich bin ein aufstrebender Fürst in Sachsen, der in einen Krieg verwickelt wird. Ich erteile meinem Rossknecht, dem althochdeutschen Marschall, bisher nur mein ergebener Pferdehüter, den Oberbefehl der Kavallerie. Der Marshall dient mir treu, wird aber im sechzigsten Lebensjahr von einem österreichischen Bogenschützen tödlich verwundet. Er hinterlässt einen unbesetzten Posten. Mein Heer ist mittlerweile so groß, dass ich unmöglich alle Kandidaturen prüfen könnte, und nicht zuletzt fürchte ich mich vor dem Vorwurf der Vetternwirtschaft. Ich mache es mir einfach und lege Regeln fest, die ein Kandidat erfüllen muss: drei Jahre auf der Militärakademie, fünf Jahre Dienst in der Kavallerie, mindestens 35 Jahre alt, keine Ausnahmen. So vermeide ich katastrophale Marshalle; ob ich dadurch vielleicht einem 34-Jährigen, der besser geeignet wäre, die Chance verwehre, muss mir egal sein. Aus meiner persönlichen Bekanntschaft, dem Rossknecht, ist der unpersönliche Posten des Marshalls hervorgegangen. Ämter überleben ihre Träger. In jedem, der sich in letzter Zeit für ein Praktikum beworben hat, erwacht gerade schmerzhafte Erinnerung.

Aus Monet wird Picasso, und aus Picasso Rothko. Der Staat strebt die Souveränität an. Eine europäische Erfindung, die die Welt erobern wird. Vor allem deshalb, weil die Europäer die Welt mit ihrer Erfindung „zu deren Wohl“ zwangsbeglücken. Die Idee der Souveränität entstammt einer Zeit kriegerischer, anarchischer Unordnung, in der Denker wie Hobbes oder Bodin nach ordnender Gewalt suchen; koste es, was es wolle. Du sollst keine andere Gewalt neben mir haben, wird zum elften Gebot. Das betrifft die militärische Gewalt, aber auch die Gesetzgebung, Steuererhebung und Zwangsausübung. Der Staat definiert sich als höchste, einzig legitime Gewalt, der bedingungslos zu weichen ist. Er strebt das Gewaltmonopol eines genau definierten Staatsgebietes an. Schneller gesagt als getan; es wird seine Zeit bis weit in die Neuzeit brauchen, diese Idee zu verwirklichen. Was uns selbstverständlich erscheint, zählt keine dreihundert Jahre. Der Staat duldet keinen noch so kleinen illegitimen Übertritt seiner Grenzen oder Gesetze, die von anderen Staaten anerkannt werden; er wiederum erkennt nur noch Staaten desselben Schlags an und respektiert ihre Grenzen. Der Westfälische Frieden 1648 gilt als Ausgangspunkt dieses Staatssystems. Wem es gestattet ist und wem nicht, Souveränität für sich zu behaupten (besonders offensichtlich seitdem die Überzeugungskraft des göttlichen Segens ermattet) ist vordergründig der geschichtlichen Entwicklung, Machtinteressen und besonders der erfolgreichen Gewaltausübung, weniger dem Völkerwillen geschuldet. Zuerst kommt die Staatsgewalt, dann erst das Volk, das sich über die Staatsgrenze definiert. Wenn die Katalanen nach Unabhängigkeit vom spanischen Staat schreien, schweigen die Staatsoberhäupter Europas. Nicht, dass die Flamen oder Tiroler auf blöde Ideen kommen. Kein Zweifel an der staatlichen Legitimität soll sich regen. Nur Staaten können Mitglied eines Staatenbundes wie den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union werden, die, aller Bündelung der Souveränität zum Trotz, die Legitimität eines Staates durch diese Mitgliedschaft auch weiter stärken. Man mag den modernen Staat heute als einzige politische Ordnung preisen, die Friede und Bürgerrechte garantiert – wegen dieser Rechte ist er bestimmt nicht entstanden. Während Souveränität ursprünglich nur in einer Hand, der des Monarchen, vereint war, erklärte man später das Volk zum Souverän. Es gewinne damit (beschrieben in den Schriften des Aufklärers Rousseau) die Freiheit, die Regeln, die es sich selbst auferlegt, zu befolgen.

III

Faust oder Der Herren eigner Geist

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit

Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Da ist’s denn wahrlich oft ein Jammer!

Man läuft euch bei dem ersten Blick davon.

Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer

Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion

Mit trefflichen pragmatischen Maximen,

Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

Im inneren Machtkampf der drei großen Landbesitzer setzen sich monarchistische Zentralstaaten gegen blaublütige Feudalherren und die Kirche durch. Sie nehmen aristokratischen Feudalherren endgültig die Gesetzgebung und Rechtsprechung, der Kirche das Schulwesen weg; binden so aufkeimende, zunehmend städtische Handel- und Gewerbetreibenden an sich und taufen sie „Bürger“. Diese Bürger sehen fortan im Zentralstaat und seinem Gewaltmonopol den Garanten ihrer Rechte, nicht mehr in ihrer Treue gegenüber einem Monarchen. Genauso gut könnte man aber auch von der Eingliederung von Kirche und Aristokratie in den Staat sprechen, die fortan Spitzenpositionen in Verwaltung, Heer und Diplomatie einnehmen. Man denke nur an Bismarck oder Metternich. Die Staatsräson und die notwendige Steuererhebung verlangen aufwendige Kenntnisse über Land und Leute: Mithilfe der Sta(a)tistik, die nicht umsonst so heißt, sammelt der Staat Informationen über seine Bürger. Hobbes’ Idee des Staatsungeheuers, des Leviathan, wird in dieser Zeit geboren.

Genauso gut könnte man auch unsere Geschichte der Fahnen- und Fackelträger erzählen, die mit Mistgabeln und Erklärungen ihre Bürgerrechte einfordern und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft schaffen. Die Errungenschaft des festgeschriebenen („kodifizierten“) Rechts, das das Gewaltmonopol des Staats garantiert und das ohne jede Ausnahme – denn jede Ausnahme stellte die Legitimität des gesamten Rechts infrage – den Bürger vor Willkür schützt, ist nicht zu schmälern. Wer hier aber wen ursprünglich an der Leine spazieren führte, wer Hund, wer Herrchen war, wer weiß das schon. Waren die Sammlung und Festlegung der Rechte („Kodifizierung“) wie das 1794 in Kraft getretene preußische Allgemeine Landrecht, der Code Napoléon 1804, oder das Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch 1812 in Österreich, das in Teilen bis heute Rechtsgültigkeit besitzt, nur das Ende der launischen Willkür in der Rechtsprechung, oder versprachen sich nicht genauso die Monarchen einen Vorteil? Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat ist seit jeher ein alkoholisches. Die Dosis macht das Gift. Wie Tacitus sagt: „Wurden wir ehedem von Verbrechen geplagt, so heute von Gesetzen.“ Wie Hobbes schreibt: „Freiheit liegt dort, wo das Gesetz schweigt.“ Dennoch sind sich Bürger heute, so es der Staat mit der Einschränkung nicht zu weit treibt, allein durch die schützende Staatshand ihrer Abwehrrechte, ihrer Sicherheit, ihrer bürgerlichen Freiheit gewiss.

War die Amerikanische Verfassung die heilige Kuh, die heute von Georgia bis Oregon jeder Amerikaner mit Wort und Waffe verteidigen würde, oder war sie eine Botschaft an holländische Financiers, um die Kreditwürdigkeit des jungen Staats zu fördern? Waren Bismarcks Sozialmaßnahmen von der Arbeiterklasse erkämpft, oder vielmehr ein weiteres Mittel, wie auch später im Ersten Weltkrieg, Menschen an den Staat zu binden? In jedem Falle wissen diese Bürger daraus Profit zu schlagen und nehmen den Monarchen schließlich, besonders nach dem Ersten Weltkrieg, die Zügel des Staatsrosses aus den Händen. Maria Theresia, kann man sagen, hatte zu hoch gepokert.

Die Geschichte verfolgt keinen Plan, genauso wenig wie der einzelne Mensch, der gerne erst in der Geschichtserzählung in die Rolle des heroischen Schauspielers auf der Weltbühne mit Plan und Skript schlüpft. Der Auftakt einer Rede 1794 des französischen Revolutionärs, Wort- und Federführers des Terrors, Robespierre, spricht Bände: „Wir müssen uns eingestehen, dass wir bis zum jetzigen Moment, in dem ich spreche, in diesen stürmischen Zeiten mehr von unserer Liebe des Guten und unserem Gespür für die Bedürfnisse des Vaterlandes geführt wurden als von einer genauen Theorie oder präzisen Verhaltensregeln, für deren Skizzierung uns Zeit und Muße fehlte.“ Sagte er – und begann die Theorie bisheriger Geschehnisse zu formulieren. Die Geschichtsschreibung, genauso wie die wirtschaftliche und politische Theorie, ist oftmals kaum mehr als Legitimation bereits (teilweise) bestehender Strukturen und Machtinteressen im Nachhinein. Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. Nur weil etwas seinerzeit zu diesem oder jenem Zweck geschaffen wurde, kann es heute einem ganz anderen gewidmet sein. Jahrhundertealte Traditionen werden durch Zufälle, Improvisationen oder in Ausnahmezuständen begründet, entwickeln sich später zum ständigen Provisorium.

Der Nationalstaat, ob unter monarchistischer oder republikanischer Führung, erfindet sich seinen Mythos, schafft sich seine Heroen, grenzt sich von den Anderen ab. Wie Thukydides über Griechenland und die Barbaren, die Nicht-Griechen, schreibt: „Dass das alte Hellas schwach war, folgere ich nicht zum Wenigsten auch daraus, dass es vor dem Trojanischen Krieg offenbar nie gemeinsam gehandelt hat. Mir scheint, das Land führte nicht einmal insgesamt diesen Namen. (…) [Homer] spricht auch nicht von Barbaren, weil sich die Hellenen, meine ich, noch nicht durch einen gemeinsamen Gegennamen von diesen Völkern abgetrennt hatten.“ Eingrenzen ist immer Ausgrenzen. Der moderne Nationalmythos war stets Mittel, Bürger zu kontrollieren. Er ist das Schmieröl, das die Räder der Staatsmaschinerie vor Reibung und Verschleiß bewahrt. Der Aufklärer Montesquieu sagt es recht unverschleiert: „Es ist freilich eine falsche Ehre, die alle Teile des Staates leitet; aber diese falsche Ehre ist der Öffentlichkeit genauso dienlich (…). Und ist es nicht beeindruckend, Menschen zu all den schwierigen, anstrengenden Taten verpflichten zu können, ohne ihnen dafür einen anderen Lohn zu verheißen als das Ansehen.“

Wieso treten Sportler bei den Olympischen Spielen im Namen ihrer Nationen an? Eigentlich gäbe es keinen Grund dazu. Ich kann bei den Olympischen Spielen aber nur im Namen einer Nation antreten. Wieso kommen alle Menschen einer Nation in den Genuss desselben Sprachunterrichts? Wo vorher gallische und fränkische Dialekte gesprochen werden, schon durch die Romanisierungsversuche der Römer lateinischen Schlags, zwingt man nun ganz Frankreich Französisch auf. Kardinal Richelieu betraut 1635 die Académie française mit der „Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache“, des lateinischen Dialekts Paris’. Zur Nationenbildung gehört neben der Alphabetisierung auch der nationale Literaturkanon, dessen Kehrseite die Bücherverbrennung und die Zensur sind. Se-lektion ist immer auch Aus-lese. „Was sind die neuzeitlichen Nationen anderes als die wirkungsvollen Fiktionen von lesenden Öffentlichkeiten, die durch dieselben Schriften zu einem gleichgestimmten Bund von Freunden würden? Die allgemeine Wehrpflicht für die männliche Jugend und die allgemeine Klassiker-Lesepflicht für Jugendliche beider Geschlechter charakterisieren die klassische Bürgerzeit, sprich jenes Zeitalter der bewaffneten und belesenen Humanität“, schreibt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk. Unbestritten bleibt: Wenig ist schöner als aus dem Ausland heimzukehren, in der heimischen Kultur, in heimischen Gefilden Gemeinschaftsgefühle zu erleben, erfunden oder nicht. Nur sollte man sich den nationalistischen Versuchen, diese Gefühle künstlich zu schaffen und auszunutzen, verwehren, um nicht blind der Staatspfeife, in früheren Zeiten bis auf das Schlachtfeld, hinterher zu tanzen.

Große Menschenmengen in einem politischen Gebilde zusammenzuhalten, so man das möchte, bedarf notwendigerweise einer gemeinsamen Geschichte. Die pragmatischen Vorteile dieser Gemeinschaft, so vorhanden, aufzulisten, greift zu kurz; vielmehr ist es Burckhardts „vages Gefühl von Größe“, das erregt, wie die ermüdete europäische Einigung zurzeit hinreichend darlegt. Dann werden die europäischen Werte beschworen, „die alten Griechen“ in ihrer Grabesruhe gestört, die unveräußerlichen Grenzen des europäischen Kontinents mit den ewig wandelnden der Nationalstaaten abgeglichen. Kein Zweifel: Jeder, der längere Zeit außerhalb Europas zugebracht hat, weiß um den Segen, Europa seinen Heimatkontinent nennen zu dürfen. Aber „Europäischer Nationalismus“ bleibt, wohlwollend gemeint und notwendig oder nicht, derselbe Versuch, Bürger durch erfundene Mythen an sich zu binden. Eine politische Debatte zweier Kandidaten, die lautstark und wortgewandt versuchen, unser „Europa“ gegen unseren Nationalstaat abzuwägen, ist, dieser Logik folgend, abgesehen von der Frage der Kompetenzverteilung, derart sinnbefreit, dass sie jedem Zuseher höchstens ein müdes Gähnen, vielleicht ein stummes Lächeln abringen sollte. Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

IV

Direktor oder Kann etwas Nützliches geschehn

Der Worte sind genug gewechselt,

Laßt mich auch endlich Taten sehn!

Indes ihr Komplimente drechselt,

Kann etwas Nützliches geschehn.

Der zeitgenössische österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann stiftete dem Programmheft der Inszenierung Rossinis Il Barbiere di Siviglia aus dem Jahre 1816 an der Wiener Staatsoper einen Beitrag. Der Protagonist, der Friseur und Alleskönner Figaro, der moderne Mensch par excellence, föhne, rasiere und unternehme alles, solange der Preis stimme. „Jedem zu Diensten zu allen Stunden, umringt von Kunden bald hier, bald dort“, trällert der rastlose, selbstständige Unternehmer. Das Flehen seines vormaligen Herren, des Grafen, ihm bei der Eroberung seiner Angebeteten zustattenzukommen, erhöre er nicht mehr aus persönlicher Loyalität und Treue, sondern erst, als das Gold locke. „Figaro lässt sich nicht für das, was er gerne macht, bezahlen, sondern er macht das, wofür er bezahlt wird, gerne“, schreibt Liessmann. Die feudale Ordnung ist nicht mehr; wer verstanden werden will, muss das Kapital für sich sprechen lassen. Das versteht auch Goethes Theaterdirektor. Indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn. Den unternehmerischen Geist hat der Mann mit der Muttermilch aufgesogen. Wer wirtschaftlich erfolgreich sein will, wer Dichter und Schauspieler bezahlen will, wer auch seinen eigenen Profit nicht verschmäht, muss effizient handeln, darf nicht dem Kaffeeklatsch verfallen. Von dem Kunstideal des Dichters hält er wenig. Besonders aber laßt genug geschehn! Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn. Er kennt den Markt, den er bedienen muss.

Denn freilich mag ich gern die Menge sehen, (…)

Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht

Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,

Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.

Die Marktwirtschaft, sie spaltet die Wahrnehmungen. Die einen sehen nichts anderes als neue Abhängigkeiten und Unsicherheiten, überfordernde Flexibilität, unpersönliche Kälte und denselben Zwang wie zuvor, Hunger und Existenzverlust im Nacken, gegen den eigenen Willen für andere zu arbeiten. Goethes Dichter griffe nie für den Theaterdirektor zur Feder, müsste er nicht Frau, Kind und sich selbst ernähren. Wie Townsend im 18. Jahrhundert unbeeindruckt festhält: „Nur Hunger spornt und stachelt sie zur Arbeit.“ Die anderen hingegen preisen das Ende der Abhängigkeit von einem Herrn, den Beginn der Freiheit, seinen Talenten und Neigungen nachzugehen und sich seine Zeit selbst einzuteilen, ihre staatlich gewahrten Eigentumsrechte, den wirtschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft und den Ursprung des Wohlstands der Nationen.

Den Übergang von Feudalismus zu Kapitalismus, von landbasierter zu kapitalbasierter Wirtschaft, von selbsterhaltendem Eigenanbau zu Handel und später Industrie, zu erklären, ist eine denkbar undankbare Aufgabe. Wer Marxisten, Sozialisten, Konservative und Liberale zu diesem Wandel befragt, dem werden derart abweichende Antworten erteilt, dass man zaudert, demselben Phänomen gegenüberzustehen. Insbesondere in der Wortwahl, selbst bei inhaltlicher Übereinkunft, wartet ein Wirrwarr an Wegen auf, diese Geschichte zu erzählen. Das führt zu faszinierenden Historikerdebatten, in der Berge an Papier und Druckerschwärze daraufhin verwendet werden, sich auf ein Wort zu einigen, um letztlich doch zu scheitern. Wie in der berühmten „Übergangsdebatte“ (transition debate) der 70er-Jahre, in der im Grunde lang und breit abgewogen wurde, ob Bauern seit Anbruch der Marktwirtschaft für den Markt produzieren dürften oder doch müssten. Sprache prägt die Wahrnehmung. Es sei jedem empfohlen, auch in heutigen politischen Debatten, genau solchen sprachlichen Feinheiten Aufmerksamkeit zu schenken. Alle scheinen sich allerdings einig zu sein, dass sich irgendwann zwischen 1300 und 1600 in Holland und England irgendetwas änderte. Ein Anfang. Über das Was ist man sich einig, über das Wie und In welcher Reihenfolge weniger.

Die mittelalterliche Welt wird auf den Ruinen erbaut, die das Römische Imperium hinterließ. Gott gab das Land dem König, der es für den Preis der Treue, Truppen und Abgaben an adlige Feudalherren verleiht. Land ist der Fels dieser Weltordnung, auf dem Reichtum, Adelstitel, politischer Einfluss und Militärgewalt fußen. (Daher auch zu Englisch real estate, also „echter Besitz“, im Gegensatz zu noch bedeutungslosem Kapital.) Diese Herren wiederum überreichen das Land den Bauern, denen das Land zwar nicht eigen ist, obwohl sie es in der Regel mit großer Sicherheit besitzen. Sie schwören ihren Herren die Treue, unterliegen deren Rechtsprechung, sichern diesen ihre Militärdienste zu, verwalten deren Gut, müssen allerlei Feudalabgaben leisten (z.B. bei Heirat oder Vererbung), erhalten sich selbst durch Landwirtschaft und geben Überschüsse an den Herren ab. Damit sich Feudalherren nicht in der Höhe dieser Abgaben unterböten, um mehr Feldarbeiter zur Verfügung zu haben, sicherte eine Art Kartell unter Feudalherren, sprich eine Absprache über die Höhe der Feudalabgaben, den Fortbestand ihrer Vorherrschaft. In all ihren Facetten und zahlreichen Unterschieden fasste man im Nachhinein diese Wirtschaftsform als „Feudalismus“ zusammen, auch wenn der Begriff mittlerweile in Verruf geraten ist.

Wer Glück hatte, konnte ein friedliches Bauernleben unter einem gutmütigen Herrn führen. Wer Pech hatte, wie die meisten, war der willkürlichen Rechtsprechung ausgeliefert, musste mehr Abgaben leisten, als die Selbsterhaltung zuließ, verbrachte seine Zeit in kriegerischem Elend. Von den unfreien Bauern, den Leibeigenen, die diesen Großbauern noch unterstanden, nicht anzufangen. Die italienischen Humanisten um 1450 zeichnen das Bild des „finsteren Mittelalters“, das nur dunkler, mittlerer Einschub zwischen der griechisch-römischen Antike und der erleuchteten Renaissance, der Wiedergeburt, gewesen sei. Ein Bild, das die lineare Verbindung der beiden Zeiten betonen soll und mit dem wir uns bis heute gerne identifizieren. Genauso werden Republiken die Monarchien verteufeln, die ihnen vorausgingen, was jeden Leser nostalgischer, nach der guten, alten Backhendelzeit schmachtender Sehnsuchtsromane der Zwischenkriegszeit überraschen wird. Das heißt nicht, dass die Monarchie oder das Mittelalter so lebenswerte Zeiten gewesen wären. Aber wichtiger als das Geschichtsbild selbst ist die Abgrenzung der erleuchteten „Neuzeit“ von den Anderen, dem finsteren Mittelalter, der düsteren Monarchie. Die Geschichte, die erzählt wird, sagt mehr über die Zeit aus, in der sie erzählt wird, als über die Zeit, von der sie erzählt.

Es sei eine stabile, eine stagnierende Wirtschaftswelt, in der jede Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion durch Bevölkerungswachstum wieder ausgeglichen werde, wie Thomas Malthus in seinen Gleichungen beschreibt. Wessen Ernte größer ausfalle, der bekäme ein weiteres Kind, das den Überschuss wieder wegäße. Der Lebensstandard könne der Theorie nach die Selbsterhaltung nie übersteigen (obwohl das in den florierenden Gegenden Europas zeitweise durchaus der Fall war). Arbeit und Land sind politisch und persönlich geregelt. Kapital, Handel und Gewerbe haben kaum Bedeutung. Gleichwohl sie im Spätmittelalter langsam zunimmt, wie die Verfechter der „kommerziellen Revolution“ ab dem 11. Jahrhundert, besonders in Italien und den Hansestädten, nicht müde werden, zu betonen. Auch, um dem Bild des finsteren Mittelalters entgegenzuwirken.

Bereits lange vor der Industrialisierung ist England, und noch früher Holland, wie gewandelt. Aus Landbesitz, den Feudalherren der Treue zum König, Bauern der Treue zu Feudalherren verdanken, wird eingezäuntes, eingefriedetes Eigentum einiger (anfangs vor allem aristokratischer) Großgrundbesitzer, das der Staat rechtlich stützt, das gekauft und verkauft werden kann. Feldarbeit wird nicht mehr aus politischem Zwang alleine geleistet, sondern kann auf dem Arbeitsmarkt mit Lohn gekauft werden. Seine Höhe bestimmen Angebot und Nachfrage. Erzwungen sei die Arbeit dennoch, werden Marxisten betonen, denn ihre Alternative sei der Hungertod, da Bauern von ihren selbsterhaltenden Feldern, ihrer Lebensgrundlage, getrennt wurden. Frei sei sie, werden Liberale betonen, denn jeder könne sich fortan den Beruf aussuchen und sich aus der Armut herausarbeiten. Dasselbe Los war auch Gewerbetreibenden in den Städten beschieden. Anstelle der Verbünde oder Vertragsarbeit unabhängiger Produzenten werden Handwerker zunehmend Teil der bezahlten Arbeitskraft moderner Unternehmen, die alle Arbeitsschritte unter einem Dach vereinen. Ihrer Arbeit wird nicht mehr durch die Zunft, einem Kartell, ein Preis verliehen, sondern sie erhalten einen marktdefinierten Lohn.

Womit wir auf eine gängige Definition der Marktwirtschaft gestoßen wären: Die Wirtschaftsform, in der Arbeit und Land gekauft und verkauft werden können. Über das Recht auf dieses gekaufte Eigentum und die Vertragsfreiheit wacht das Gewaltmonopol des Staates. Marktwirtschaft klingt honigsüßer als Kapitalismus, was wohl erklärt, warum, je nach Ideologie, manchmal das eine Wort dem anderen vorgezogen wird. Im Grunde beschreiben die beiden Begriffe dasselbe, nur betont der Kapitalismus die neugewonnene Bedeutung des privat gehaltenen Kapitals in der Marktwirtschaft, des Geldes für Investitionen. Nicht zuletzt kann man sich ab sofort Arbeit und Land mit Kapital kaufen.

Goethes Theaterdirektor hat die Muse nie geküsst; ein Dichter ist schnell engagiert. Der Dichter nur; mein Freund, o tu es heute! „Ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche?“, lässt Liessmann den alten Marx für sich sprechen, den erfolgreichsten Kritiker der kapitalistischen Welt, in der Geld regiert. Wenn sich der Theaterdirektor nicht allzu blöd anstellt, wird er bald über genügend Kapital verfügen, um sich nicht nur die Arbeit des Schauspielers und Dichters zu kaufen, sondern auch einen neuen Theaterdirektor anzustellen. Alles, was für ihn zu tun bleibt, ist Kapital zu investieren und zu ernten und mehr zu investieren und mehr zu ernten. Das soll er auch, denn in seiner Investition findet sich langläufig der Lohn seiner Arbeiter wieder.

Bauern beginnen nun, ihre Felder und Kühe nicht mehr nur für die Selbsterhaltung zu bestellen und zu melken, sondern um einen großen Teil ihrer Produkte auf dem Marktplatz zu verkaufen. Ob sie das durften oder mussten und wieso nun genau zu dieser Zeit der Marktplatz zum Hauptplatz wurde, sind schwierige Fragen. Die übliche Erzählung, europa- und bald weltweite Handelsnetze und Märkte übten solch starke Nachfrage aus, ja boten Bauern endlich einen Markt, sodass sie der selbsterhaltenden Wirtschaft entkommen konnten, klang jedenfalls doch ein wenig zu honigsüß und löste nicht ohne Grund Debatten aus.

Wer die Marktwirtschaft nicht im Einzelfall, sondern in Abstraktionen, Durchschnitten und Zahlen verstehen möchte, kann sich dem Studium der Volkswirtschaft widmen. In den 250 Jahren seit die Gründerväter der klassischen Nationalökonomie ihre Schriften vorlegten, stellten Wirtschaftler einige Beobachtungen auf, wie sich eine solche Marktwirtschaft „in der Regel“ verhalte. Die Konkurrenz auf dem Marktplatz sei groß. Ein Bauer merke, dass er seine Milch deutlich billiger anbieten könne, wenn er sich nur auf das Melken spezialisiere. Nicht nur müsse er fortan nicht mehr zwischen Stall und Feld hin- und hereilen und spare kostbare Zeit, er lerne durch die langen Stunden in der Molkerei auch dazu und erfinde nach langer Tüftelei den Molkerei-Schlauch, mit dem er mehr Kühe in derselben Zeit melken könne. Er werde produktiver, sprich er könne mit denselben Ressourcen mehr produzieren als zuvor. Nach und nach stelle er mehr Lohnarbeiter ein. Der erste treibt die Kühe ein, der zweite putzt den Stall, der dritte karrt die Milchkannen zum Marktplatz. Der Milchbauer verteilt immer kleinteiliger spezialisierte Aufgaben, um die Produktivität zu erhöhen. Das müsse er auch, denn der benachbarte Melker erfinde den Milchkühltank und zwinge ihn weiter, innovativ zu bleiben, Arbeit zu teilen und Preise zu senken. Vielleicht ginge der Milchbauer pleite und müsste seine Molkerei günstig an den Nachbarn verkaufen, der eine zweite Produktionsstätte eröffnete. Diese Aufstiege und Untergänge der Unternehmen, die Zerstörung alter Strukturen und Schaffung neuer auf ihren Ruinen betitelte der Wirtschaftler Joseph Schumpeter als „schöpferische Zerstörung“. (Kritiker sprechen lieber mit Augenzwinkern von einer „zerstörerischen Schöpfung“, die unaufhörlich Traditionen aufwühle.) Dieses Auf und Ab, das die Marktwirtschaft kennzeichnet, führt nach Schumpeter zum Konjunkturzyklus.

Unser Milchbauer könne durch Spezialisierung mehr Milch produzieren als er selbst brauche, den Überschuss am Markt verkaufen und mit dem Geld Getreide kaufen. Wo vorher also zwei Bauern sowohl Getreide anbauten als auch Milch melkten, produziere fortan ein Bauer Milch, der andere Getreide. Nur könnten beide gemeinsam durch die Arbeitsteilung und Spezialisierung insgesamt mehr Getreide und Milch produzieren als wenn beide beides täten. Diese kleine Wirtschaft sei produktiver geworden, sie sei „gewachsen“. Dem Theaterdirektor sei die Kunst, das Wohl des Schauspielers und die Rezension der Zuschauer herzlich egal, solange ein Profit heraussehe. Nur in einer wachsenden Wirtschaft lasse sich im Durchschnitt ein Profit machen. Nur durch Arbeitsteilung, Spezialisierung und Innovation werde die Wirtschaft produktiver. Nur der Wettbewerb zwinge Unternehmer zur Produktivität. Und nur erhöhte Produktivität schaffe modernen Wohlstand. Soweit die honigsüße Theorie.

Der wichtigste Motor der Marktwirtschaft wird jedoch bald rosten: der Wettbewerb. Monopole, die Marktmacht in einem Unternehmen ballen oder vom Staat garantiert wurden, und Kartelle, in denen sich Konkurrenten absprechen, schalten den Wettbewerb am Markt aus. Sie führen zu den Gegenteilen seiner Vorteile: höhere Preise und weniger Innovation. Sie werden bis heute mit mehr oder weniger großem Erfolg von Wettbewerbsbehörden in Schach gehalten. Die Ideen der Arbeitsteilung und Spezialisierung findet man bereits bei Xenophanes, in Platons Politeia und in gefühlt jeder zweiten politischen Streitschrift des 18. Jahrhunderts, bis Adam Smith die umhergeisternden Ideen in The Wealth of Nations zusammenfasste und die klassische Nationalökonomie begründete.

Ein paar Zutaten fehlen noch für die moderne Wirtschaftswelt. Solch ein Ragout, es muß Euch glücken.

Man nehme einen Überschuss an Arbeitskraft für Handel, Handwerk, Gewerbe und Manufaktur, der in der Landwirtschaft nicht mehr gebraucht wird. Wieso mussten fortan nicht mehr alle in der Landwirtschaft mitwirken? Die kurze Antwort: Neuerungen in der Landwirtschaft führten zu einer „Agrarrevolution“. Die lange Antwort: Verbesserte Fruchtfolgen (geschickte Rotation der angebauten Früchte auf den Feldern), Ende des gemeindlichen „Flurzwangs“ (der die Fruchtfolge regelte), die Einführung der Kartoffel und des Futterklees, Steigerung des Zuckergehalts in Zuckerrüben, bessere, stickstoffreiche Düngung mit Mist und Jauche, ganzjährige Stallhaltung des Viehs, erhöhte Milchleistung pro Kuh … und so weiter und so fort. Der kapitalistischen Logik folgend wurden Bauern zu diesen Maßnahmen erst gezwungen, als sie dem Wettbewerb am Markt ausgesetzt wurden. Nicht mehr mussten sie ihre Überschüsse (alles, was über die Selbsterhaltung hinausgeht) an einen Herrn abgeben. Endlich waren sie vom Wettbewerb und ihrem Profitstreben getrieben, ihre Produktivität zu steigern und den Weg zu modernem Wohlstand zu ebnen.

Um 1700 ist nur mehr rund 40 Prozent der Bevölkerung Englands in der Landwirtschaft tätig. Holland hilft sich über Umwege zum gleichen Ziel, indem es sich auf die weniger arbeitsintensive Viehwirtschaft spezialisiert und sein Getreide ab 1600 aus dem Baltikum einführt. Nun können Menschen von den Feldern in die Städte ziehen, können sie Kaufleute, Handwerker, Bankiers werden. Die niederländische Handelsrepublik, insbesondere ihre Provinz Holland, erstaunt ganz Europa. Ihr Wohlstand und ihre Seemacht bauen auf dem Handel auf. Wirtschaftliche Tätigkeit soll durch allerlei Mittel erleichtert werden. Die Kaufleute, die sich selbst regieren, garantieren einander Eigentumsrechte und beschließen bindende Arbeits- und Handelsverträge, die das gegenseitige Vertrauen der Verwandt- und Bekanntschaft ablösen und den Handel unter Fremden stärken. Ähnlich wie in den Staatsbürokratien ersetzt unpersönliche, bürokratische Vertragsarbeit das persönliche Treueverhältnis.

Schon um 1250 verleihen erste venezianische Bankiers Kredite an Kaufleute. Kaum ein halbes Jahrhundert später entstehen die ersten Compagnias („derjenige, mit dem man das Brot teilt“). Im Jahre 1531 öffnet in Antwerpen die erste Börse ihre Pforten; zur selben Zeit verbreitet Luca Pacioli die damals revolutionäre doppelte Buchführung, um Fehler in der Buchhaltung zu vermeiden und den Profit hochzuschrauben. Anfang des 17. Jahrhunderts gibt die niederländische Vereinigte Ostindien-Kompanie erstmals Aktien aus, denen bald allerlei absichernde Finanzinstrumente folgen werden. Sowohl um reichlich Kapital zu sammeln als auch um die finanziellen Risiken für die jahrelangen, oft gefährlichen Schifffahrten auf viele Investoren aufzuteilen. Das Handels- und Finanzzentrum, und mit ihm europäische Händler und Bankiers, wandert zwischen 1300 und 1800 von Venedig über Antwerpen und dem holländischen Amsterdam nach London. Wer all diese Spielereien, Risiko zu verringern und den Profit eines Unternehmens sicherzustellen, erlernen möchte, kann sich dem Handwerk der Betriebswirtschaft widmen.

Diese Wandlung ist nicht im wirtschaftlichen Vakuum zu betrachten, sondern im Rahmen der Staatsbildung. Der Staat sichert Bauern die Rechte auf Eigentum von Land und Arbeit, zum Beispiel im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten, und erhebt im Gegenzug Steuern (die bald in ungeahnte Höhen steigen werden), um seine Kriege zu finanzieren. Da war er, der kurze Moment, in dem ich zauderte, wer hier wen an der Leine spazieren führte. Politische und wirtschaftliche Rechte sind so eng miteinander verflochten (ja, man kannte die sprachliche Unterscheidung zwischen den beiden noch nicht), dass es unmöglich scheint, sie im Nachhinein zu entwirren. Parlamente entstehen, um die Steuererhebung der Monarchen zu kontrollieren und Eigentumsrechte zu wahren. Wer mit fremdem Geld Krieg spielen möchte, muss eben etwas bieten. Aus Skepsis gegenüber Herdenverhalten wird das Wahlrecht zumeist an Eigentum von Land gebunden. Nur wer wahrlich finanziell unabhängig sei (real estate!), könne „freie“ Entscheidungen treffen.

Man nehme nun immer größere Städte, die vom ländlichen Umland mit Nahrung versorgt werden. Städte bleiben zunächst größtenteils nur Marktplätze, Umschlagzentren, Handelsknotenpunkte, politische Brennpunkte und kulturelle Herzen. Die Produktion mithilfe nicht-menschlicher Arbeitskraft in Fabriken nimmt langsam an Fahrt auf. Zum Beispiel die englische wasserbetriebene Baumwollspinnerei im ländlichen Raum – dort, wo Flüsse fließen. Davon hört auch der erste amerikanische Finanzminister, Alexander Hamilton, der 1791 seinen Report on Manufactures vorlegt, um seine Landsleute von dem amüsanten Irrglauben zu befreien, die Landwirtschaft sei produktiver als die Industrie, da doch beim Ackerbau die Natur einen Großteil der Arbeit übernehme. Die industrielle Erzeugung, zu dieser Zeit noch von Wasser- und Windkraft getrieben, schreibt Hamilton, habe allerlei Vorteile gegenüber der Landwirtschaft: Man könne in der Industrie die Arbeitsteilung und Spezialisierung weiter treiben, Maschinen effektiver einsetzen, endlich auch (ohne jede Ironie) Frauen, Kinder, Faulpelze und Vollidioten, tags wie nachts, sommers wie winters, mit narrensicherer Arbeit beschäftigen, und menschliche Geisteskraft und Talente nutzen, die an der Feldarbeit nur verloren gingen. Er wird recht behalten. Während ein einzelner Handwerker an einem langen Arbeitstag nicht einmal 20 Stecknadeln herzustellen vermochte, beobachtete Adam Smith in einer Fabrik im 18. Jahrhundert, wie sich zehn Arbeiter die zahlreichen Arbeitsschritte aufteilten und so täglich 48.000 Stecknadelnproduzieren. Anders als die Handelsimperien des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, die günstig einkauften und woanders teuer verkauften, oder die Kolonialisten auf ihren Kreuzzügen, die Europa mit „spanischem“ Silber aus der Neuen Welt schwemmten, fußt der moderne Wohlstand zu großen Teilen auf erhöhter Produktivität durch Innovation, Spezialisierung und Arbeitsteilung.

Das moderne Wirtschaftsragout köchelt munter vor sich hin, in Richtung modernen Wirtschaftswachstums, definiert als stetiges Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens trotz wachsender Bevölkerung. So richtig zu kochen beginnt es aber erst mit Dampfmaschine, Stahl, Eisenbahn und elektrischem Strom. Die auf Land und Wasserkraft fußende, begrenzte Wirtschaft wurde gegen die kohlebasierte eingetauscht, deren Wachstumsgrenzen (wie auch deren Kohlendioxidemissionen) nach oben offen sind, und den natürlichen Wachstumsbestrebungen des Menschen gerecht werden konnte. Städte werden zu Produktionszentren, die städtische Bevölkerung explodiert, das Pro-Kopf-Einkommen steigt dennoch rasant. Gleichwohl das noch nichts über seine Verteilung aussagt. Charles Dickens’ Oliver Twist oder Victor Hugos Les Misérables seien jedem für einen Einblick in die düstere Welt der städtischen Frühindustrialisierung ans Herz gelegt.

Andreas Malm, der an der Universität Lund lehrt, hinterfragt die Zugfolge dieser Schlüsse: Nicht die kohlegetriebene Dampfmaschine ermögliche Millionenstädte, sondern die Städte erzwangen die kohlegetriebene Dampfmaschine. Kohle sei ursprünglich teurer und leistungsschwächer als fließendes Wasser in ländlichen Flussregionen gewesen. Nicht zuletzt brauchte es nach der Patentierung der Dampfmaschine 1784 mehr als 50 Jahre, wenn nicht länger, bis die kohlegetriebene Dampfmaschine die Wasserkraft entthronte. Malm zitiert einen bürgerlichen Wirtschaftler der 1820er Jahre: „Die Arbeit, die mithilfe eines Wasserflusses verrichtet wird, ist für gewöhnlich genauso billig wie jene, die der Dampf verrichtet, ja manchmal sogar viel billiger. Aber die Erfindung der Dampfmaschine hat uns von der Notwendigkeit befreit, nur wegen eines Flusses Fabriken an ungünstigen Orten zu bauen. Sie hat uns erlaubt, die Fabriken in die Zentren jener Bevölkerung zu verlagern, die an industrielle Gepflogenheiten gewöhnt war.“ In Städten bestand reichlich billige, fügsame Arbeitskraft und Infrastruktur bereit, die alle Arbeitsschritte unter einem großen Firmendach vereinen ließen und Firmenherren davon befreiten, im ländlichen Flussgebiet Infrastruktur wie Häuser oder Schulen selbst zu bauen. Wie ein städtisches, dampfbetriebenes Unternehmen stolz sagte: „Wenn sie Montagfrüh um acht oder neun Uhr nicht auftauchen, holen wir uns Neue.“ Wasser war ein unberechenbares Element der Naturgewalten, reduzierte die tägliche Arbeitszeit oft auf wenige Stunden. Die Glocken der kohlegetriebenen, dampfenden Fabrik hingegen läuteten täglich zur selben Zeit denselben langen Arbeitstag ein. Das ideale Leben war über Jahrtausende das ruhige Landleben gewesen. Kein Mensch wollte vor oder während der Industrialisierung in Großstädten wohnen. Erst in den letzten 200 Jahren wurden wir derart an das Stadtleben gewöhnt, dass wir heute freiwillig in die Städte drängen. Das kommt nur auf Gewohnheit an.

Kapitalismus geht der Industrialisierung voraus. Während seine Befürworter die Bedeutung des Wettbewerbs auf den Märkten betonen (der diese Industrialisierung erst möglich machte), preisen seine Kritiker den technologischen Wandel, der ungeachtet des Kapitalismus modernen Wohlstand ermöglicht habe. Nachdem Maschinen immer mehr Arbeitsschritte in der Industrie übernehmen, steigt der Dienstleistungssektor auf, der die spezialisierte Arbeit wenn nicht sinnvoller, so doch angenehmer zu ertragen machte. Getrieben von der Suche nach immer neuem Wirtschaftswachstum, das den Wohlstand einer weiteren Generation sichern soll (oder zumindest von immer neuen Geschäftsmodellen, die den Profit weiterhin sichern sollen), findet man sich immer neue „Dampfmaschinen“, wie den Computer oder das Internet. Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu, und mit Bedeutung auch gefällig sei?

Von Freiwilligkeit kann keine Rede mehr sein. Eine Marktwirtschaft muss wachsen. Die nächste „Dampfmaschine“ sollen nun die Daten werden. Die Digitalisierung, der man nicht mehr Einhalt gebieten könne. Die Digitalisierung, die kein Mensch will oder braucht, aber in Kauf nehmen müsse, um das Wirtschaftswachstum zu sichern und nicht in Abhängigkeit technologisch ausgereifter Staaten wie China oder den Vereinigten Staaten zu geraten. Man hat Gewalt, so hat man Recht. Wer nicht mitmacht, stirbt aus. Das sind leider gute Argumente. Doch die provokante Frage sei erlaubt, ob Bürger das Staatsross und den kapitalistischen Hengst, die sie einst so stolz gesattelt, noch selbstbestimmt ritten oder vielmehr von ihren schäumenden Halbbluten quer über die moderne Prärie geritten würden. Die Zügel nur noch lose in der Hand, das Bild des fortschrittlichen Rittertums gefestigt im Geiste. Den schlepp ich durch das wilde Leben. Machiavelli bliebe unbeeindruckt: „Wozu die Vernunft nicht rät, zwingt die Notwendigkeit.“ Es darf nicht verwundern, ja es ist sogar schwer notwendig, auf diese Geschichte einen honigschimmernden Lichtschein zu werfen. Sonst macht ja kein Mensch mit.

Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

V

Mephisto (Zugabe) oder Er soll mir zappeln, starren, kleben

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,

Des Menschen allerhöchste Kraft,

Laß nur in Blend- und Zauberwerken

Dich von dem Lügengeist bestärken,

So hab ich dich schon unbedingt

Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,

Der ungebändigt immer vorwärts dringt,

Und dessen übereiltes Streben

Der Erde Freuden überspringt.

Den schlepp ich durch das wilde Leben,

Durch flache Unbedeutenheit,

Er soll mir zappeln, starren, kleben,

Und seiner Unersättlichkeit

Soll Speis und Trank vor gier’gen Lippen schweben;

Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,

Und hätt er sich auch nicht dem Teufel übergeben,

Er müßte doch zugrunde gehn!

Noch sind wir nicht im Land, in dem Milch und Honig fließen. Seit ihren Anfängen gerät die moderne Welt in Kritik aus allen Ecken. Wenn man sie auch nicht teilen muss, so hilft es, sie zumindest zu verstehen.

Wobei zuallererst vor allen ideologischen Einordnungsversuchen gewarnt sein will. Erstens folgt das Programm keiner politischen Partei blind einer Ideologie; sie dient ihr vielmehr als Leitstern, als Orientierungspunkt. Eine Partei als Ganzes als links oder rechts, sozialistisch oder liberal, konservativ oder progressiv zu bezeichnen ist irreführend und liegt am menschlichen Drang zur Vereinfachung. Zweitens sind die Bedeutungen dieser Begriffe nicht in den Kaukasus gemeißelt. Vor zwanzig Jahren hatten sie eine andere Bedeutung, und man darf getrost davon ausgehen, dass sie in zwanzig Jahren erneut eine andere Bedeutung haben. Drittens kann ein Begriff nie gänzlich begreifen, was er sagen will. Er kann nie alle Hintergrundgedanken, die er aufgreifen möchte, zum Ausdruck bringen. Noch kann er es vermeiden, ein Eigenleben zu entwickeln, ein Gefühl im Zuhörer auszulösen, das per se nichts mit seinen Hintergrundgedanken zu tun hat. Das erlaubt einem Politiker, einen anderen Politiker wirkungsvoll in einer Debatte einen „Linken“ oder „Rechten“ zu schimpfen, gleichwohl weder die beiden noch der Zuseher dieselbe Vorstellung des Begriffs hätten. Oder wahrscheinlicher: Selbst wenn keiner der dreien wüsste, was gemeint sei, entfaltete der Begriff eine Wirkung. Der Hang moderner politischer Debatten, aus Bequemlichkeit oder Kalkül, zu reinen Begriffsdebatten zu werden, ja der Hang des modernen Denkens insgesamt, über Begriffsverkettungen nicht hinauszugehen, stimmt nachdenklich.

Ohne diese Einschränkung der Begriffe zu vergessen, kann ein kleiner Ausflug in das Begriffslexikon nicht schaden. Wir erinnern uns: Die Marktwirtschaft ist jene Wirtschaftsform, in der Arbeit und Land gekauft und verkauft werden können. Das Recht auf dieses gekaufte Eigentum und die Vertragsfreiheit wahrt der Staat und sein Gewaltmonopol. Wir erinnern uns ferner, dass zur Zeit der Durchsetzung dieser Rechte Eigentum in erster Linie Land war (real estate!), auf dem Reichtum, politischer Einfluss und Militärgewalt fußten. Wirtschaftliche und politische Freiheit lassen sich in dieser Welt nicht entzweien. Die enge Verflechtung von Eigentumsrechten und der politischen Freiheit des einzelnen in der „liberalen“ Tradition wird sich bis in die kapitalistische Welt fortsetzen.

Während der Staat zuvor von aristokratischen Großgrundbesitzern kontrolliert wurde, weitet das handelnde und industrielle Bürgertum mit wachsendem Einfluss und Reichtum seine Kontrolle über die Staatsgeschehnisse aus, verdrängt den Adel aus den Staatsämtern und der Bürokratie (oder noch bequemer: wird selbst geadelt) und gießt seine Interessen in Gesetz und Institutionen. In den Worten des Historikers John Brewer: „Lobbys, Handelsorganisationen, Händler- und Investorengruppen kämpften oder verbündeten sich, um den Schutz auszunutzen, den die größte aller wirtschaftlichen [!] Kreaturen, der Staat, ihnen gewährte. Sie rangen um Zugang zu den Schalthebeln der Macht, Zugang zu Informationen, die ihnen erlauben würden, Regelwerke zu vereiteln, zu erstellen oder zu beeinflussen (…). Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten manche unter ihnen den Wert des Parasitismus zu schätzen begonnen und nahmen den Staat, wie Adam Smith aufzeigt, als Wirt, wenn nicht als Geisel.“

Ob aus Furcht vor gewaltsamen Aufständen der wachsenden, gut organisierten nunmehr städtischen Industriearbeiterschaft (oder um das Volk weiter an sich zu binden und die sozialistischen Bewegungen mit den eigenen Waffen zu schlagen) wird unter Bismarck die Krankenversicherung für Arbeiter eingeführt. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts organisieren sich Arbeiter in Gewerkschaften, um dem Machtungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zwischen Unternehmer und Arbeiter entgegenzuwirken. In der honigsüßen Theorie kann der Theaterdirektor die Löhne für Dichter und Schauspieler nur so lange drücken, bis keiner mehr für einen solchen Hungerlohn arbeiten will. Der Unternehmer sitze dabei aber, wie Marx festhält, auf dem längeren Ast. Während er über Kapital verfüge, um für eine Weile auf einen einzelnen Arbeiter zu verzichten, sei sich ein Arbeiter ohne Lohn bitterer Armut gewiss. Den geschlossenen Streik einer Gewerkschaft könne sich der Unternehmer aber nicht leisten, was den Hebel der Arbeiter erhöhe. Besonders im Ersten Weltkrieg folgten weitere Sozialmaßnahmen; wohl mehr, um den Krieg fortführen zu können, als um das Leid des Volks zu lindern. Wie so oft in der Politik werden diese Zugeständnisse, im Ausnahmezustand gewährt, zum ständigen Provisorium.

Die kommunistische Tradition spricht noch von dem Sturz der Bourgeoisie (der herrschenden Klasse, die Kapital besitzt) durch das Proletariat (die beherrschte Klasse, die nur über ihre Arbeitskraft verfügt). Die sozialistischen Bewegungen in Deutschland einigen sich allerdings um 1900 darauf, auf Massenstreiks zu verzichten und ihre Forderungen friedlich und auf institutionellem Wege in der bürgerlich-republikanischen Politik voranzutreiben. Die Russische Revolution 1917 im Kopf und die Angst des Bürgertums (begründet oder nicht) vor gewaltsamen Aufständen auf der einen Seite, die Einsicht der bald umbenannten Sozialdemokratie, sozialistische Forderungen in den politischen Institutionen (wenn auch durch den Kompromiss geschwächt) bequemer vorantreiben zu können auf der anderen, führen langfristig zu unserer heutigen Wirtschaftsform: der sozialen Marktwirtschaft. Oder, wie es der Psychoanalytiker Erich Fromm sagt: „Sozialismus und Kommunismus wandelten sich rasch von einer Bewegung, die eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen anstrebte, zu einer Kraft, die das Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete.“ Die soziale Marktwirtschaft, von der man seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spricht, nimmt für sich in Anspruch, wie der Name schon sagt, die Wohlstandsmaschine Kapitalismus zu nutzen, aber seinen Exzessen entgegenzuwirken und diesen Wohlstand gleichmäßig zu verteilen. Sie soll ein Ausgleich zwischen jenen, die Kapital und Land besitzen, und jenen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen, sein; ein Ausgleich zwischen Akkumulation, also Anhäufung, von Kapital in privater und öffentlicher Hand. Heute sind alle deutschen und österreichischen Parteien Vertreter der sozialen Marktwirtschaft, gleichwohl in unterschiedlichen Auslegungen im Detail.

Erweiterte Bürgerrechte, Erschließung der Weltmärkte, Ausweitung des Wohlstands, Entwicklung neuer Technologien – die Aufklärer des 18. Jahrhunderts werden den Begriff des „Fortschritts“ prägen, der schon zur Zeit seiner Etablierung in Verruf geraten wird (und heute lieber durch die honigsüße „Innovation“ ersetzt wird). Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben, der ungebändigt immer vorwärts dringt. Die Idee einer zwangsläufigen Weiterentwicklung zur immer schöneren, neueren, friedlicheren Welt kennzeichnet das Denken der Moderne. Der optimistische Blick in die Zukunft fördert nicht zuletzt technologische und wirtschaftliche Entwicklung.

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. Laß nur in Blend- und Zauberwerken Dich von dem Lügengeist bestärken. Die wissenschaftliche Methode, auf messbaren Erfahrungen beruhend, und politische Freiheit seien zwei Seiten derselben Fortschrittsmedaille, wie französische Aufklärer Ende des 18. Jahrhundert betonen werden. Das wird nächstens schon besser gehen, wenn Ihr lernt alles reduzieren und gehörig klassifizieren. Die größte Errungenschaft der Wissenschaft, in diesem Sinne, ist ihre Fähigkeit, aus der Natur nützliche, zumindest zurzeit unwiderlegbare, „objektive“ Regeln abzulesen, die den Fortschritt vorantreiben. „Die Natur lässt sich nur besiegen, indem man ihr gehorcht,“ sagte Francis Bacon im frühen 17. Jahrhundert recht unverblümt.

Wissenschaft war aber seit jeher mehr Nützlichmachen als Wahrheitfinden. Wissenschaft kann nicht im Innersten begreifen, sie kann vor allem mit Sicherheit beschreiben. Die wissenschaftliche Besessenheit in der Moderne findet ihren Ursprung nicht zufällig in der christlichen Skepsis gegenüber Erfahrenem und Erlebtem. Kirchenvater Augustinus schreibt 400 nach Christus von seiner kindlichen Liebe zum gereimten Epos und seinem schulischen Hass gegen Rechtschreibung und Grammatik, der noch heute viele Schülerherzen erfüllt. Im Alter wird er es umgekehrt sehen und seine kindlich-schwärmerische Naivität verschmähen. Die Rechtschreibung sei viel besser als die Dichtkunst, weil sie „zuverlässiger“ (!) sei. „Wende ich mich mit der Frage an sie, ob Äneas wirklich einst nach Karthago gekommen sei, wie der Dichter sagt, dann werden die Ungelehrteren sich mit ihrer Unwissenheit entschuldigen, die Gelehrteren aber werden es sogar verneinen. Wenn ich aber frage, mit welchen Buchstaben Äneas geschrieben wird, dann werden wir alle, welche dies gelernt haben, die richtige Antwort geben nach dem Übereinkommen und Gutbefinden, durch welche die Menschen jene Zeichen unter sich festgesetzt haben.“ Augustin war schon vor weit mehr als einem Jahrtausend soweit, die poetischen Zauber der Kindheit hinter sich zu lassen, um sich der Sicherheit der Rechtschreibung zu verschreiben. Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben, sucht erst den Geist heraus zu treiben.

Nachdem der moderne Staat und die Händler und Fabrikherren die Nützlichkeit der Wissenschaft für sich entdeckten, wird es nicht lange dauern, bis alle Bereiche der akademischen Welt dieser Verwissenschaftlichung unterzogen werden, von den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften bis hin zu den heutigen herrlich vergleichbaren wirtschaftlichen Kennzahlen. Wie dem Bruttoinlandsprodukt, das, so der amerikanische Politiker und Präsidentenbruder Robert Kennedy, alles messe, „außer, was das Leben wertvoll macht.“ Allein in den letzten 50 Jahren wurde aus dem belächelten Diplom-Kaufmann der allseits gefragte Betriebswirt.

Erich Fromm fasst zusammen: „Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts – die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und materiellen Überfluss, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit – das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt. (…) Man muss sich die Tragweite dieser großen Verheißungen und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industriezeitalters vor Augen halten, um das Trauma zu verstehen, das die beginnende Einsicht in das Ausbleiben ihrer Erfüllung heute auslöst.“ Der Fortschrittsbegriff ist aus vielerlei Hinsicht problematisch: Den politischen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt werden Europäer bald mit einem menschlichen und moralischen gleichsetzen. Den weltweiten Siegeszug ihrer kapitalistischen Wirtschaft und ihres souveränen, bald demokratischen Staats werden sie auf ihre moralische – und später auch „rassische“ – Überlegenheit und nicht ihre effektivere Gewaltausübung zurückführen. Auch klammert der Fortschrittsbegriff alle Rückschritte aus. Seinen ersten Dämpfer wird er mit dem Terror der Französischen Revolution erleben (auch wenn ihn viele als wichtig und richtig empfanden), der die schottischen, französischen und deutschen Aufklärer gleichermaßen erschütterte – genauso wie die ersten industrialisierten Kriege im späten 19. Jahrhundert und die unzähligen Kriegsopfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs, und nicht zuletzt der Holocaust.

Stefan Zweig beschreibt in seiner Welt von Gestern das allumfassende Gefühl einer Generation.

Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur „besten aller Welten“ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen „Fortschritt“ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen „Fortschritt“ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein. Es ist billig für uns heute, die wir das Wort „Sicherheit“ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen.

Die Idee einer linearen Fortentwicklung der Menschheit im 18. Jahrhundert war eine neue, die ihren Ursprung wiederum nicht zufällig im Religiösen findet, in der christlichen Erlösungslehre und besonders den Schriften Augustinus’. Zuvor sah sich der Mensch stets als Teil einer rhythmisch fließenden, wallenden Natur und ihrer Kreisläufe: Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod. Selbst jene Zeitalter, die wir als goldene lobpreisen, wie Athen zur Zeit Platons und Aristoteles‘, sahen sich selbst als eiserne, denen ein goldenes schon vor langer Zeit vorausgegangen war.

MEPHISTO (zu DEM HERRN)

   Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,

   Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

   Ein wenig besser würd er leben,

   Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;

   Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,

   Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Nicht nur hat sich unser Denken von diesen Gedanken abgewandt, wir haben auch alles Menschenmögliche, ja alles menschenunmöglich Geglaubte, geleistet, um der Natur und ihrer Zyklen Herr zu werden. Wie Fromm schreibt: „Zwar hatte die menschliche Zivilisation mit der aktiven Beherrschung der Natur durch den Menschen begonnen, aber dieser Herrschaft waren bis zum Beginn des Industriezeitalters Grenzen gesetzt.“ Was ist elektrisches Licht anderes als die Beherrschung der Nacht, Heizung und Klimaanlage als die Beherrschung der Jahreszeiten, winterliche Erdbeeren als die Beherrschung der Erntezyklen?

Seit 60 Jahren warnen nun Forscher, der Mensch hätte in seinen Effizienzgleichungen die Natur nicht einberechnet. Schon bald würde sie in einer überraschenden Wendung der Fortschrittsgeschichte, für die jeder Groschenromancier sterben würde, an ihrem hochmütigen Dompteur, dem kleinen Gott der Welt, süße Rache nehmen. Der moderne Mensch, der sich nicht als Teil der Natur begreift (ja, einen von sich getrennten Begriff für sie gefunden hat), der sich allein schon sprachlich von den „Lebewesen“ – jenen, die leben und sterben – abgrenzt, glaubt sich der Unsterblichkeit zum Greifen nahe. Was hätte nur der Aufklärer Condorcet Ende des 18. Jahrhunderts zu all den Neuerungen gesagt, die seiner Lebenszeit nachfolgten; der schon damals prophezeite, „dass die Natur der Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten keine Grenze gesetzt hat; dass die Fähigkeit des Menschen zur Vervollkommnung tatsächlich unabsehbar ist; dass die Fortschritte dieser Fähigkeit zur Vervollkommnung, die hinkünftig von keiner Macht, die sie aufhalten wollte mehr abhängig sind, ihre Grenze allein im zeitlichen Bestand des Planeten haben, auf den die Natur uns hat angewiesen sein lassen.“ Die Eroberung des Weltalls und die Besitzergreifung des Mondes (man denke nur an die amerikanische Fahne) holten den Himmel endgültig auf Erden. Und dessen übereiltes Streben der Erde Freuden überspringt.

Nun sind weder Handel treiben noch Unternehmen gründen kreative oder intellektuelle Meisterleistungen. In den Worten Adam Fergusons im Jahr 1767: „Ahnungslosigkeit, wie auch Aberglaube, ist die Mutter der Produktivität. (…) Fabriken gedeihen besonders, wenn der Verstand nicht um Rat gebeten wird, und der Betrieb ohne große Anstrengungen der Kreativität einer Maschine gleicht, deren Räder Menschen sind.“ Auch zehn Jahre später verhehlt Adam Smith die Gefahr der Arbeitsteilung und Spezialisierung nicht – wünschenswerte Wirtschaftssteigerung hin oder her. Die zunehmend einseitige Arbeit verdumme den Menschen, sodass es gegenwirkender Bildungsinitiativen bedürfe, schreibt Smith. Er wird Recht behalten. Das gilt für seinen Stecknadelproduzenten genauso wie für Wirtschaftsanwälte, Bankiers und Berater, die heute den ganzen Tag nur Zeilen oder Zahlen hin- und herschieben. Gut, dass eine Heerschar an fügsamen Schulabsolventen zur Verfügung steht, die an solch bürokratische, narrensichere Aufgabenerfüllung jahrelang gewöhnt wurde. Hochentlohnte Dienstleistungsarbeit ist zwar wesentlich angenehmer als industrieller Hundelohn, ändert aber leider wenig an der einseitigen Arbeit und der intellektuellen Verkindlichung des Menschen. Ein Preis, den heute viele zu zahlen bereit sind (oder zu zahlen gewöhnt worden sind). Erst der Arbeitsteilung ist es geschuldet, dass solch banale, einseitige Tätigkeiten wie das Gros heutiger Arbeit entlohnt werden kann. Erst der Arbeitsteilung ist es geschuldet, dass die Arbeit soweit geteilt und spezialisiert werden konnte, dass eine Maschine sie überhaupt übernehmen könnte. Auch wenn der Wohlstand, der ihr entspringt, nicht zu schmälern ist, ist die Auswirkung der Arbeitsteilung auf das Wohlbefinden des Menschen kaum zu verteidigen.

Und seht nur hin, für wen Ihr schreibt! Der Theaterdirektor kennt sein Publikum. Nicht nur bedarf die moderne Wirtschaft massenproduzierender Unternehmer, die immer neue, bessere Produkte herstellen. Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu, und mit Bedeutung auch gefällig sei? Die moderne Wirtschaft funktionierte auch nicht ohne eine Heerschar an Konsumenten, die blöd genug sind, diese Produkte auch noch zu kaufen. Erich Fromm weiß darum: „Die Vorstellung grenzenlosen Vergnügens steht in merkwürdigem Gegensatz zu dem Ideal disziplinierter Arbeit, ebenso wie die Annahme eines zwanghaften Arbeitsethos dem Ideal völliger Faulheit in den freien Stunden des Tages und im Urlaub widerspricht. Fließband und bürokratische Routine auf der einen Seite, Fernsehen, Auto und Sex auf der anderen ermöglichen diese widerspruchsvolle Kombination. (…) Außerdem entsprechen die beiden widersprüchlichen Haltungen einer ökonomischen Notwendigkeit: Der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts setzt ebenso den maximalen Konsum der produzierten Güter und Dienstleistungen wie die zur Routine gewordene Teamarbeit voraus.“

Besonders seit der Massenkultur, die sich Staat und Wirtschaft gleichermaßen zunutze machen wissen, scheinen alle Hemmungen gefallen, scheinen Konsum- und Arbeitswahn zu Doktrin, ja, raison d’être, geworden. Dass der Wohlstand sich gerade durch diese Verblendung mehrt, dass das allgemein anerkannte Ziel der Bedürfnisbefriedigung dieser Verblendung somit höchste Legitimation verleiht, ist wohl der teuflischen Selbstironie der Geschichte geschuldet. Doch selbst wenn die kapitalistische Landwirtschaft ihrer Legitimation der effizienten Güterversorgung gerecht wird, fällt diese Rechtfertigung bei der heutigen Konsumgesellschaft und Unterhaltungskultur schon schwieriger. Wie Fromm meint: „Leben erst alle in Reichtum und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein. Diese Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen Fortschrittsreligion.

Um diesen uneingeschränkten Glückes habhaft zu werden, müsste der Mensch einfach nur eine auf den Kopf gestellte Bedürfnispyramide mit zwei Beinen werden. Aller ehrenwerter akrobatischer Versuche zum Trotz will es ihm aber bis heute nicht so recht gelingen. Die Frage sei gestattet, ob die heutige Wirtschaftswelt nicht eher Probleme für ihre Lösungen kreiere, als Lösungen für ihre Probleme. „Wir führen gegenwärtig das größte je unternommene gesellschaftliche Experiment zur Beantwortung der Frage durch, ob Vergnügen (…) eine befriedigende Lösung des menschlichen Existenzproblems sein kann“, schreibt Fromm mit traurigem Augenzwinkern. Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr. So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren. Diese Frage sei verneint, schreibt Fromm – Marxismus, Sozialismus oder Sozialdemokratie hin oder her, denn auch „ihr System basiert auf dem Prinzip des unbegrenzten Konsums als Lebensziel“.

Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Der heutige Mensch hat sich allen Gehört-sich-sos losgesagt und wurde allen Regeln der Tugend, Moral und Tradition entbunden, dessen Bedeutung wohl bald nur noch in Fremdwörterbüchern zu finden sein werden. Wenn die einzigen Kriterien der Daseinsberechtigung ist es effizient? und gefällt es der Masse? werden, geht doch ein Stück weit der Zauber verloren, wie die Populärmusik und aktuelle Bestsellerlisten hinreichend belegen. O sprich mir nicht von jener bunten Menge, bei deren Anblick uns der Geist entflieht. Die Erfindung des Radios, Fernsehers, Internets und ihrer Volksbelustigungen, so Peter Sloterdijk, lösten den „literarischen Humanismus als eine Utopie der Menschenformung durch die Schrift und durch die geduldigmachende, zur Zurückhaltung des Urteils und zur Öffnung des Ohrs erziehende Lektüre“ ab. Was ihn zu der interessanten Frage führt: „Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?“ Die Antwort auf Sloterdijks „Epochenfrage“, wie er sie nennt, scheint zumindest seit 1997 zunehmend die Überarbeitung und Dauerunterhaltung in all ihrer Farbpracht zu sein.

FAUST

   Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet’s mir,

   Den schnellempfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,

   Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.

   Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,

   Löst sich nicht auf, erhebt sich in den Äther hin

   Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.

MEPHISTO

   Das heiß’ ich endlich vorgeschritten!

VI

Marschalk oder Nun gehts von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken

Nun geht’s von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;

Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,

Wenn sich die andre neu in Kleidern bläht.

Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.

Wer sich quer durch politische Schriften der Jahrtausende blättert, kommt nicht umher, in der Neuzeit einen radikalen Wandel in der Einstellung zu kommerzieller und eigennütziger Tätigkeit festzustellen. Egal ob Theologen oder Philosophen – wen man auch fragte, galten Kaufleute und Unternehmer, unsere Vorfahren im Geiste, jahrtausendelang ohne jeden Zweifel als die unsympathischsten und niederträchtigsten Gefährten dieser Welt. Ihre Lebensweise korrumpiere die Moral, ihr Profitstreben wurde einhellig verteufelt. Selten war man sich so einig. Noch im frühen 19. Jahrhundert wird Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, gegen die zuvor von Finanzminister Hamilton vorgeschlagene Förderung der Industrie protestieren. Da bliebe er lieber bei der unabhängigen Landwirtschaft und schiffe die Rohmaterialien kostspielig nach England und zurück, um sie von den Briten verarbeiten zu lassen, bevor er solch schädliche Sitten nach Amerika importiere. Er wird bald recht einsam mit seiner Meinung sein. Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken. Der Theaterdirektor ist zwar noch immer unsympathisch, seine Investition in ein gelungenes Theaterstück erfreut aber die Masse dank billiger Eintrittspreise und wird schlussendlich auch vom Dichter nicht verschmäht, der in ihr seinen Lohn wiederfindet. Trachtet also der Theaterdirektor nur nach seinem Profit, häuft er genügend Kapital für weitere Investitionen an, so sei das im Vorteil der gesamten Gesellschaft. Adam Smiths „unsichtbare Hand“ wird ab 1776 als berühmteste Legitimation des Eigennutzes gesehen werden. Nun geht’s von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken.

Es ist nicht die Wohltätigkeit des Fleischers, des Brauers oder des Bäckers, die uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie nach ihrem eigenen Vorteil trachten. (…) Wenn daher jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und dadurch dieses so lenkt, dass ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten lässt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, dass das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich werden wird. Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewußt das Allgemeinwohl, noch weiß er wie hoch der eigene Beitrag ist. (…) Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, der keineswegs in seiner Absicht lag. Es ist auch nicht immer das Schlechteste für die Gesellschaft, dass dieser nicht beabsichtigt gewesen ist. Indem er seine eigenen Interessen verfolgt, fördert er oft diejenigen der Gesellschaft auf wirksamere Weise, als wenn er tatsächlich beabsichtigt, sie zu fördern.

Nun ist diese berühmte Passage des Moraltheologen Adam Smith, die offensichtlich auch Goethe bekannt war, mehr Beobachtung als Plädoyer für bedingungslose Ellbogentaktik (auch wenn sie später so ausgelegt werden wird), wie jeder übereifrige Leser der restlichen 1500 Seiten des Wohlstands der Nationen unschwer feststellen kann. Aber sie faszinieren Smith, die Händler und Kaufleute, mit ihrem mutigen Pläneschmieden, sorgfältigen Kostenplanen und ihrer Pünktlichkeit, die ihnen ihre Abhängigkeit von Kreditgebern aufzwinge. In Holland sei es mittlerweile „unmodisch, kein Geschäftsmann zu sein.“ Auch wenn das Interesse dieser geschäftstüchtigen Meute „nie genau dasselbe wie jenes der Öffentlichkeit ist.“

Unsere Kaufleute und Fabrikherren klagen sehr über hohe Löhne, die den Preis ihrer Produkte erhöhen und ihren Verkauf im In- und Ausland erschweren. Sie sagen aber nichts von den schlechten Wirkungen der hohen Profite. Sie sind stumm in Bezug auf die verderblichen Folgen ihrer eigenen Gewinne. Sie klagen nur über jene anderer Leute.

Adam Smith hin oder her: Er war nicht der Erste oder Einzige, der den Eigennutz als den zentralen Wirtschaftsmotor verstand. Zum Beispiel Adam Ferguson zehn Jahre zuvor: „Handelsnationen bestehen aus Mitgliedern, in ihrem Fach bewandert, wenn auch sonst nirgends, die zur Erhaltung und Erweiterung des Gemeinwohls beitragen ohne dass es ihr eigentliches Interesse oder Anliegen wäre.“ Nicht nur werden Handel und Eigennutz fortan toleriert, noch wird es ausreichen, eigennütziges Handeln zu fördern. Vielmehr wird der Eigennutz zum Teil der menschlichen Natur erklärt, den man verabscheuen könne oder nicht, aber doch im Zweifel in der Marktwirtschaft zur vollen Entfaltung bringen sollte, sodass er dem Gemeinwohl dienen möge. Die moderne Welt braucht den Menschen als ewig rastlosen Tausendsassa, der nie zur Ruhe kommt und nie zufrieden ist. Dass der Eigennutz zeitgleich mit dem Aufstieg des Handels und der Marktwirtschaft der Natur zugeschrieben wird, stellt uns unvermeidlich vor die Frage, ob denn zuerst der Eigennutz war, den man sich in einem System zunutze machen wollte, oder doch zuerst, in Fromms Worten, „Egoismus, Selbstsucht und Habgier – Eigenschaften, die das System fördern muss, um existieren zu können (…). Diese These wurde durch eine Hilfskonstruktion abgestützt, wonach genau jene menschlichen Qualitäten, die das System benötigte – Egoismus, Selbstsucht, Habgier – dem Menschen angeboren seien; sie seien somit nicht dem System, sondern der menschlichen Natur anzulasten.“ Ob nun menschliche Natur oder nicht: Das eigennützige Profitstreben wird langsam salonfähig, ja sogar von Wirtschaft wie Staat erwünscht und gefördert. Genauso wie unaufhörlicher Konsum, Genauigkeit, Pünktlichkeit und Sparsamkeit – oder in letzter Zeit der unausweichliche, honigsüße Aufstieg wirtschaftlicher, technischer und naturwissenschaftlicher Studien – allesamt Praktiken, die ohne Zweifel den Gesamtwohlstand fördern. Wessen eigene Interessen sich zufällig genau mit jenen von Staat und Wirtschaft decken, der sollte vielleicht überdenken, wie eigen ihm diese eigenen Interessen eigentlich sind.

Die Natur des Menschen wird auch in der republikanischen Tradition fortan neu definiert. Seit der Antike war der tugendhafte Bürger gelobt worden, der sein (eigenes) Land bestellte, und, wenn die Pflicht rief, flugs in Toga oder Uniform schlüpfte, um mit Wort und Schwert sein Vaterland nach bestem Gewissen zu verteidigen. Institutionen und Gesetze galten gemeinhin der Erziehung der Sprösslinge zu Tugend, Brauch und Heimatliebe, die wiederum gute Institutionen und Gesetze formen würden. Das heißt natürlich nicht, dass dieser Idealismus verwirklicht, aber immerhin angestrebt wurde. Als gesund galt jene politische Gemeinschaft, die möglichst weniger Gesetze bedurfte, um Sicherheit und Frieden zu wahren. Cicero sprach von der res publica, dem Gemeinwohl, und der concordia ordinum, der Eintracht aller politischen Stände.

Diese Ideen werden in der Neuzeit als illusionärer Honig abgetan. Wann genau, ist schwer zu sagen. Vielleicht mit James Harrington im Jahr 1656: „Gebt uns gute Männer und sie werden gute Gesetze machen ist der fehlbare Grundsatz eines Volksverführers. Aber Gebt uns gute Ordnungen und sie werden gute Männer machen ist der Grundsatz eines Gesetzgebers und die unfehlbarste in der Politik.“ Nichts wird fortan mehr dem Zufall überlassen. Thomas Jefferson schreibt über die Athener der Antike: „Sie hatten nur eine Vorstellung vom Wesen der persönlichen Freiheit, aber keinerlei Regierungsstrukturen, um sie zu erhalten.“ Die Gründerväter der Vereinigten Staaten sind sich einig, dass man Uneinigkeit und Zwietracht in der Politik nicht vermeiden könne. Man könne nur ihre Auswirkungen mit den richtigen Institutionen und Gesetzen kontrollieren und zähmen. Wem Macht zuteilwird, der missbrauche sie, wem Freiheit zuteilwird, der handle im Eigeninteresse. Wie es Rousseau ausdrückt: „Seit Anbeginn der Zeit sind der menschlichen Weisheit keine zehn guten Herrscher entsprungen.“

Die Aufklärer entwickeln Ideen (die Gewaltenteilung, die repräsentative Demokratie oder den regelmäßigen Machtwechsel), wie man dieser natürlichen Eigenschaft des Menschen Herr werden könnte. Wie Machiavelli schon Anfang des 16. Jahrhunderts in seinen Discorsi schreibt: „Jeder Staat muss seine Mittel und Wege haben, dem Ehrgeiz des Volkes Luft zu machen.“ Wer seine Interessen innerhalb der bestehenden Staatsstruktur durchsetzbar sieht, dränge unwahrscheinlicher zur Straße. Um die Stabilität zu wahren, müssten Wege, seinem Ärger Gehör zu verschaffen, institutionalisiert werden. Heute würden wir in diesem Zusammenhang Wahlen, Volksbegehren, angemeldete Proteste und die Pressefreiheit nennen. „Denn sind keine gesetzmäßigen Mittel da, so ergreift man ungesetzliche, und diese haben ohne Zweifel viel schlimmere Folgen.“ Ein Machtwechsel müsse unblutig und von allen Seiten anerkannt vonstattengehen können. Man müsse allen erdenklichen Konflikten mit immer neuen Gesetzen vorbeugen, denn „die Macht schafft sich leicht ihren Namen und nicht der Name die Macht. Nie aber sollte in einer Republik etwas vorkommen, wobei man sich ungesetzlicher Mittel bedienen muss. (…) Eine Republik wird somit niemals vollkommen sein, wenn in ihren Gesetzen nicht alles vorgesehen, nicht für jedes Ereignis eine Abhilfe und die Art ihrer Anwendung bestimmt ist.“ Innerhalb dieser Institutionen jedoch sei Konflikt nicht nur gezähmt, sondern sogar förderlich. Nicht Konsens, sondern Konkurrenz fördere die Stabilität. Nicht müsse jeder am Wahltag das Gesamtwohl in Betracht ziehen, sondern wenn jeder nur sein Kreuz bei jenem Kandidaten mache, der seine eigenen Interessen vertritt, führte das im Rahmen der richtigen Institution zum Gesamtwohl. Das klingt vertraut.

Tugend ist nicht mehr der Gebrauch des menschlichen Verstands im Sinne des Gemeinwohls. Tugend ist Heimatliebe und die Befolgung der Gesetze, so Montesquieu. Auch wenn Machiavelli, wahrscheinlich zu Recht, warnt: „Wo die Sitten verderbt sind, helfen auch die besten Gesetze nichts.“ Der griechische Historiker Thukydides wird seinen Zeitgenossen Kleon noch als aufwiegelnden Einfaltspinsel und „gewalttätigsten Mann der Stadt“ darstellen, wenn dieser meint, Athen müsse einsehen, „dass ein Staat mit schlechteren, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, (…) und dass schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im Allgemeinen ihren Staat besser regieren; denn jene wollen immer klüger scheinen als die Gesetze.“ Platon verlangt noch nach der Herrschaft der weisen, tugendhaften Könige, um „das Glück für den Einzelnen und für die Gesamtheit“ zu sichern. Der österreichische Philosoph Karl Popper hingegen antwortet 2400 Jahre später, geprägt von seinen Erfahrungen im 2. Weltkrieg, Platon stelle die falschen Fragen: Die Frage „Wer soll herrschen?“ führe in den Irrglauben, solche guten und weisen Regierungen seien überhaupt anzutreffen, geschweige denn dauerhaft. Der Idealist Platon habe die Idee hinter Staatsstrukturen falsch verstanden. Es gehe nicht darum, Staaten für den weisen, guten Herrscher zu konstruieren, sondern für den Tyrannen. „Wir müssen die Frage ‚Wer soll regieren‘ durch die neue Frage ersetzen: Wie können wir politische Institutionen so organisieren, dass es schlechten oder inkompetenten Herren unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten?“ Die moderne Staatsstruktur ist darauf ausgerichtet, dass jeder Kaschperl in die Rolle des Staatschefs schlüpfen könnte, wie in einigen westlichen Staaten zurzeit eindrucksvoll bewiesen wird.

Ein besseres Plädoyer für die demokratische Republik gibt es nicht. Durch Gewaltentrennung, Zweikammerparlamente, bürokratische Gemütlichkeit und öffentlichen Druck werden kantige Positionen geschliffen und poliert, radikale Maßnahmen eingebremst und aufgehalten, ungestüme Politiker zurechtgestutzt und in Bann gehalten. Dass eine Entscheidung besser wäre, nur weil eine Mehrheit für sie stimmte, ist natürlich Unfug (auch wenn der honigsüße Glaube der Bevölkerung daran natürlich hilfreich ist). Darum geht es auch gar nicht. Churchill sprach seine berühmten Worte, die Demokratie sei die schlechteste aller Staatsformen – abgesehen von allen anderen. Ich glaube, er lag falsch. Demokratie funktioniert ausgezeichnet, wenn man von ihr möchte, wofür sie gebaut wurde: Stabilität. Demokratie funktioniert überhaupt nicht, wenn man, wie Churchill, von ihr etwas erwartet, wozu sie nicht gebaut wurde: sinnvolle Maßnahmen im Sinne aller. Dass gewählt wird, ist wichtiger, als wer gewählt wird.

Obwohl vielleicht dasselbe Ziel erreicht würde, besetzte man die Staatsämter durch eine Art Lotterie, nicht durch eine Wahl, wie die Athener und Venezianer. Auch wenn es schade um unser aller liebstes Zirkusspiel wäre. Wie Wolfgang Sofsky schreibt: „Spielkunst ist gefragt, Schlagfertigkeit, nicht Sachkompetenz oder Ehrbewusstsein. Demokratie ist Theater, der Politiker der Entertainer. Und die Wahlkabine ist der Ort, wo das Publikum ohne Ticket Applaus oder Missfallen äußern darf.“ Wenn sich etwas in einer repräsentativen Demokratie ändere, dann zumeist die Personalien an der Spitze oder die Positionen, seltener die Partei. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.

All diesen Entwicklungen liegt ein fundamentaler Wandel in der Selbstbetrachtung des Menschen zu Grunde, der zum modernen Individualismus führen wird. Die italienischen Humanisten lockern schon im 14. und 15. Jahrhundert die christlich geprägten Ketten des verdammten Menschen, der in seinem gottgegebenen Zustand auszuharren hat. Sie sehen in ihm Geisteskraft und Kreativität, sehen ihn als Schöpfer seiner eigenen Welt, der seine Lebenssituation aus eigener Kraft verbessern kann. Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Vom Menschen als schöpferischem Bildhauer seines Lebens und Geistes wird die Rede sein, und von der Würde des Menschen, die später in den Verfassungen und Menschenrechtserklärungen verschriftlicht, und somit durchsetzbar wurde.

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.

Als Cervantes’ Don Quijote 1605 in die Welt hinausreitet, um gegen riesige Windmühlen zu kämpfen, lässt er im Namen der Menschheit die Teilung von Wirklichkeit und Fiktion für immer hinter sich und beginnt die Tradition des europäischen Romans. Früher war der König der König, von Gottesgnaden. Seine Insignien dienten der Demonstration, nicht der Legitimation seiner Macht. Fortan sei es nicht mehr der König, der die Krone trägt, sondern die Krone, die den König krönt, wie der französische Philosoph Michel Foucault schreibt. Napoléon Bonaparte, den Bürgerlichen, macht nur die Krone zum Kaiser. Dass er sie sich gar selbst aufsetzte, war einerlei.

Der Roman ist das Schriftstück der Individualisten. Nie zuvor hatte man sich für die Befindlichkeiten, Eigenschaften und Erlebnisse einer Einzelperson interessiert. Selbst in Epen mit eindeutigen Protagonisten wie der Odyssee ging es mehr um den Archetypus des tragischen Heimkehrers als um Odysseus, seine Eigentümlichkeiten und seine Morgenroutine. Tatsächlich war der individuelle Mensch im Mittelalter höchstens als Fleisch und Seele, nicht aber als politische oder wirtschaftliche Einheit denkbar. Die kleinste Einheit war wohl der Haushalt, die Familie, deren einschränkende Eigenschaften in der Moderne gemeinsam mit ihren wohltuenden abgeworfen wurden. Die Beziehung zwischen Staat und Bürger (und nicht zufällig bald auch Bürgerin) entreißt das Individuum der bisherigen Einbettung in Familie und Gemeinde und ermöglicht immer mehr Menschen die finanzielle und emotionale Unabhängigkeit in der unpersönlichen, bürokratischen Marktwirtschaft, ungeachtet der familiären Herkunft. Diese mechanisierte Versteinerung, wie Max Weber sie nennt, die heute allseits gutgeheißen wird, sie führe zum „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Seit Machiavelli vor 500 Jahren dürfte sich wenig geändert haben: „So tadeln wir die Gegenwart, loben die Vergangenheit und wünschen die Zukunft herbei, ohne einen vernünftigen Grund.“ Vielleicht sieht man ja all diese Kritik, die der modernen Welt entgegengebracht werden kann, im Alter durch die lange Zeit des Nachdenkens nicht mehr so tragisch. Es schadet nicht, zu guter Letzt den einfachen Worten eines weisen alten Mannes, jenen des österreichischen Philosophen Karl Popper im Vorwort (1992) zu seiner Offenen Gesellschaft und Ihre Feinde, zu lauschen: „Die westliche Rechtsordnung ist gewachsen mit dem Wachstum der Industrie und mit dem Wachstum des freien Marktes und all den Möglichkeiten, die er bietet.“ Nur moderne, rechtsstaatliche, kapitalistische, demokratische Staaten garantierten ihren Bürgern persönliche Freiheit. Popper verteidigt die aufklärerischen Ideale der Freiheit, Gleichheit und der weltlichen Rechtsprechung. Auch wenn ihre Verwirklichung im heutigen Nachkriegseuropa weder beabsichtigt noch unausweichlich war.

VII

Der Herr oder Kennst du den Faust?

DER HERR

    Kennst du den Faust?

MEPHISTO

   Den Doktor?

DER HERR

   Meinen Knecht!

Neben dem Nationalismus soll nun auch die Kunst, insbesondere die Musik, als Ersatzreligion dienen. Beethoven komponiert 1805 mit seiner Eroica die Ouvertüre zu den Festspielen der Moderne. Eine Symphonie wie sie die Welt noch nicht gehört hatte. Stundenlange Konzerte, in denen man sich gemeinsam in langen Sesselreihen bis zur Ekstase und Transzendenz von melodischen Klängen berieseln lässt, in hohen, goldenen, prunkvollen Sälen, die nicht zufällig Kirchen und Tempeln ähneln, sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Anders als in den anregenden Predigten von früher verbleibt im Konzertsaal kein ethischer Kompass, der die musikalische Aufwühlung der Gefühle norden könnte – wie das 19. und auch das 20. Jahrhundert tragisch belegen werden. Auch diesen bislang letzten Versuch der Verzauberung scheint man heute enttäuscht beigelegt zu haben, musste auch er der Unterhaltungsmusik weichen.

Das Loch, das der Zauber der Welt hinterließ, will alsbald mit diesem, bald mit jenem gefüllt werden. Faust kann sich der Mystik nicht so recht entsagen, beschwört den Geist. Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon ganz nah gedünkt dem Spiegel der Wahrheit. Doch die Mystik will nicht mehr genügen. Und sehe, dass wir nichts wissen können. Auch die Wissenschaft will das Loch nicht füllen. Flieh! auf! hinaus ins weite Land! Die deutsche Romantik wiederentdeckt die Natur als Ort der Ehrfurcht und Verbundenheit, kennt nur noch weite Wiesen, dunkle Wälder. Aber warum muss der Strom so bald versiegen, und wir wieder im Durste liegen. Als nichts mehr hilft, greift er zur griechischen Originalbibel. Geschrieben steht: „im Anfang war das Wort!“ Hier stock’ ich schon! Doch auch das Wort mag nicht mehr begreifen, was die Welt im Innersten zusammenhält, was den Menschen zum Menschen macht. Losgelöst von den Ketten vergangener Zeiten ist Faust endlich bereit für das rastlose, tatenreiche Leben, das Mephisto ihm bieten wird. Das heiß’ ich endlich vorgeschritten.

„Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?“, fragt Gott den Satan in der Bibel. Tausende Jahre später kann der Mensch tun, was er will, kann sich Doktor nennen. Für den Teufel bleibt der kleine Gott der Welt stets von gleichem Schlag, und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Und für den Herrn: sein Knecht. Ihm bleibt nur, es sich in den letzten freien Ecken der Moderne häuslich einzurichten und sich gegen die intellektuelle Verkindlichung an der Hundeleine zur Wehr zu setzen. Wie Sigmund Freud in seinem Unbehagen in der Kultur zu zitieren weiß: „Aus dieser Welt werden wir nicht fallen. Wir sind einmal darin.“

Der Kommentar stellt die persönlichen Ansichten des Autors dar.